Tendoryu Aikido Berlin - Über das Marionettentheater

Auszug aus: "Über das Marionettentheater"


[…] Der Bär stand, als ich erstaunt vor ihn trat, auf den Hinter­füßen, mit dem Rücken an einem Pfahl gelehnt, an welchem er angeschlossen war, die rechte Tatze schlagfertig erhoben, und sah mir ins Auge: das war seine Fechterpositur.

 

Ich wußte nicht, ob ich träumte, da ich mich einem solchen Gegner ge­genübersah; doch: stoßen Sie! stoßen Sie! sagte Hr. v. G..., und versuchen Sie, ob Sie ihm eins beibringen können!

 

Ich fiel, da ich mich ein wenig von meinem Erstaunen erholt hatte, mit dem Rapier auf ihn aus; der Bär machte eine ganz kurze Bewegung mit der Tatze und parierte den Stoß. Ich versuchte ihn durch Finten zu verführen; der Bär rührte sich nicht.

 

Ich fiel wieder, mit einer augenblicklichen Gewandtheit, auf ihn aus, eines Menschen Brust würde ich ohnfehlbar ge­troffen haben: der Bär machte eine ganz kurze Bewegung mit der Tatze und parierte den Stoß.

 

Jetzt war ich fast in dem Fall des jungen Hr. von G... Der Ernst des Bären kam hinzu, mir die Fassung zu rauben, Stöße und Finten wechselten sich, mir triefte der Schweiß: umsonst!

 

Nicht bloß, daß der Bär, wie der erste Fechter der Welt, alle meine Stöße parierte; auf Fin­ten (was ihm kein Fechter der Welt nachmacht) ging er gar nicht einmal ein: Auge in Auge, als ob er meine Seele darin lesen könnte, stand er, die Tatze schlagfertig erhoben, und wenn meine Stöße nicht ernsthaft gemeint waren, so rührte er sich nicht. […]

 

Heinrich von Kleist (1777-1811)


 
Druckversion Impressum Letzte Änderung:  30/12/05