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Eine Japanische Übungsstunde

von Peter Nawrot

In Japan gibt es viele Dōjōs (Orte des Weges), in denen die verschiedenen alten japanischen Budō-Künste (Wege des Kriegers) –wie Jiu-Jitsu, Aikidō, Kendō und andere mehr weniger nach überlieferten Anweisungen gelehrt werden.

Je nach Disziplin sind die Dōjōs mit Tatami (harten Reisstrohmatten) oder Holzplanken ausgelegt. Den Mittelpunkt eines Dōjōs bildet meist eine altarähnliche Nische - die Tokonoma -, die sorgfältig arrangierte Blumen (entsprechend der Jahreszeit), ein Wandbild mit dem Ausspruch eines alten Meisters, ein Bild des Zen (Richtung des Buddhismus) oder das Bild des Begründers der im Dōjō praktizierten Budōart enthält. Die Dōjōs sind selten geheizt, und auch während des recht kalten japanischen Winters bleiben die Fenster beim Training geöffnet. Aber kein Schüler würde auf die Idee kommen, sich darüber zu beklagen.

Nach und nach betreten die Schüler das Dōjō. Wie in den meisten Gebäuden in Japan üblich, haben sie ihre Schuhe und damit bereits einen Teil des Alltagslebens und der beruflichen Beanspruchung vor der Tür gelassen. Die tiefe Verneigung beim Eintritt in das Dōjō – nach japanischer Art auf den Knieen – ist ein Zeichen der Ehrerbietung gegenüber dem Begründer der Budōart, dem Dōjō und dem Meister der Budōart. Gleichzeitig wird damit der Bereitschaft, sich den Regeln des Dōjōs bedingungslos unterzuordnen, Ausdruck verliehen.

Nach dem Umziehen – auch die Umkleidekabinen bleiben oft unbeheizt – bereiten sich die meisten der Schüler mit leichten Lockerungsübungen auf das kommende Training vor. Geredet wird wenig, man konzentriert sich bereits auf die Übungen und löst sich jetzt vollständig von den Alltagsproblemen. Kurz vor dem eigentlichen Beginn der Stunde knieen alle aufrecht in einer oder mehreren Reihen vor der Tokonoma. Die nächsten Minuten herrscht völliges Schweigen, je nach Lage des Dōjōs hört man nur das Zwitschern der Vögel, das Rauschen von Wasser oder leichten Verkehrslärm in der Ferne. Der Meister des Dōjō – meist Träger eines hohen Dan (= Meister) Grades -, der sich ebenfalls schweigend konzentriert, erhebt sich, kniet vor der Tokonoma, verneigt sich zusammen mit seinen Schülern und dann noch einmal vor seinen Schülern. Die Übungsstunde beginnt.

Die nun folgende Gymnastik mit Fallübungen dient der Lockerung und Dehnung aller wichtigen Muskelgruppen, Sehnen und Gelenke. Die einzelnen Übungen sind nahezu immer die gleichen und werden gemeinsam ausgeführt. Damit wachsen auch Anfänger schnell in die Gruppenübungen hinein. Viele der Übungen stammen aus überliefertren Heilslehren, aus dem Yoga oder aus dem Shiatsu (= Druckmassage), und finden sich in vielen der Budōkünste wieder.

Nach dem Abschluss der Gymnastik , die im Sommer bereits zu Schweissausbrüchen führt, im Winter aber kaum zum Aufwärmen reicht, knieen sich alle Teilnehmer rasch an einer Seite des Dōjō am Mattenrand nieder, und der Meister demonstriert die erste Technik – manchmal mit einleitenden Erläuterungen und Hinweisen auf prinzipielle Grundsätze. Nach der Demonstration verneigen sich die Schüler vor dem Lehrer und dann vor einem Übungspartner – meist der neben einem Sitzende – und beginnen zu üben.

Der Meister geht von Paar zu Paar, verbessert, erklärt und demonstriert die jeweilige Technik geduldig wieder und wieder. Die Schüler üben unermüdlich, für Hilfen des Meisters bedankt man sich mit einer Verbeugung. Gesprochen wird sehr wenig, abgesehen von Erklärungen, die zur Ausführung der Techniken erforderlich sind. Fortgeschrittene und Anfänger bilden meist eine grosse Gruppe, nur ganz frische Anfänger werden von einigen der besten Schüler in den ersten Stunden in die Grundbegriffe und –bewegungen eingeweiht.

Ab und zu unterbricht der Meister, demonstriert eine neue Technik oder eine Variante, weist oft auf die Gefahrenpunkte der Übungen hin, gibt Hilfen zum gefahrlosen Ausführen der Übungen und spricht über den psychischen Hintergrund der Lehre. Die Schüler haben volles Vertrauen zum Meister und lassen sich von ihm führen; sie sind sich aber bewusst, dass jeder den Weg zur geistigen und körperlichen Vollendung selbst gehen muss und dass der Meister nur die Richtung zeigen kann. Aus dem Wissen heraus, wie schwer dieser Weg ist, versuchen die Schüler sich gegenseitig zu helfen, denn mit dem Fortschritt des Partners – und nicht mit seinem Blockieren – wird auch das eigene Können verbessert. Voraussetzung dafür ist – darüber sind sich alle im Klaren – ein regelmässiges, intensives Üben voller Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft.

Den Abschluss der Übungsstunde bilden Konzentrations- und Lockerungsübungen. Dann verneigen sich alle – wie am Beginn – vor der Tokonoma im Gedenken an den Begründer der Lehre und vor dem Meister, um ihm für seine Mühe und Hilfe zu danken.

Wie der Blitz werden nun Besen und feuchte Lappen herbeigeholt, denn nach jeder Űbungsstunde (und manchmal auch zusätzlich davor) wird das Dōjō von allen gemeinsam sorgfältig gereinigt. Unermüdliche Schüler können danach noch weitertrainieren, während die anderen körperlich und geistig gelockert und erfrischt das Dōjō verlassen (wieder mit Verneigung am Eingang) und sich auf die nächste Übungsstunde freuen.

Für die meisten Europäer ist dieser Ablauf eines sportlichen Unterrichtes etwas fremd, ist er doch durch sehr alte japanische Traditionen und das enge Lehrer-Schüler Verhältnis gekennzeichnet. Die japanischen Budō-Künste sind weniger Sportarten im europäischen Sinne als Wege zur Beherrschung des Selbst, zur Selbstfindung und zur Harmonisierung von Körper und Geist und damit nur sehr schwer den europäischen Sportarten vergleichbar. Wettkampf und Leistungsmessen werden diesen anderen Zielen untergeordnet, denn der Kampf gegen das eigene Ich wird als unendlich schwerer erachtet als der Kampf gegen einen äusseren Gegner. Trotzdem – und vielleicht auch gerade deswegen - sind die japanischen Budō-Künste ein hervorragender Ausgleich auch für Nichtjapaner, und wer sich einmal in ein Dōjō gewagt hat, wird das sicher bestätigen.