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Karaoke

von Peter Nawrot

Wenn man dieses Wort hört, denkt man meist noch an nichts Böses. Doch einmal miterlebt ...

Es fängt immer ganz harmlos an, nichts weist auf das entstehende Unheil hin. Wir befinden uns in einem Restaurant (japanisch), einem Ryokan (japanisches Gasthaus) oder einem anderen Raum mit mindestens 30 Gästen, die eine geschlossenen Gruppe bilden oder aus mehreren Einzelgruppen (aber nie aus Einzelpersonen, sofern es solche in Japan überhaupt gibt) bestehen können. Angeregte Unterhaltung, Scherze, ab und zu ein lautes Lachen, unter Umständen eine Musik im Hintegrund (das kann auch eine kleine Musikergruppe mit Instrumenten sein). Der Abend könnte unterhaltsam und entspannend weiterverlaufen, doch es gibt ja Karaoke.

Irgendwann – entweder muss der Blutalkoholpegel eine gewisse Grenze übersteigen oder irgendwer hat einmal die Uhrzeit festgelegt (und jedermann hält sich die nächsten Jahrzehnte daran) oder Essen bzw. Getränke geniessen wegen erster Sättigingstendenzen nicht mehr die volle Aufmerksamkeit – schleicht sich (so ist die Überraschung grösser!) ein Japaner (die Männer fangen meist an) auf die Bühne – sofern vorhanden. Auf jeden Fall ist die Bühne dort, wo die Musik ist, bzw. technisch ermöglicht wird. Plötzlich hallt also Gesang durch die eben noch gemütliche Atmosphäre. Der unerfahrene Neuling denkt sich noch „Bei dem Sänger hat das Restaurant aber doch ein wenig an der Gage gespart“ oder „Der singt ja kaum besser als mein Opa in der Badewanmne“ ... und letzeres ist völlig zutreffend, denn es könnte auch der eigene, unter Umständen gedopte Opa sein. Langsam dämmert es, dass der Künstler am Mikrophon eben noch mitten unter den Gästen sass und tafelte. Und spätestens wenn der nächste Gast zur Bühne sprintet (ja, nun gibt es kein Halten mehr!) und seinerseits losheult (er wird es wohl Gesang titulieren), wird die schreckliche Ahnung zur Gewissheit: Karaoke, d.h. gnadenlos vorgetragene Laiengesänge ohne ein gnädig gesangdämmendes Orchester.

Karaoke, d.h. leeres Orchester (hier begegnen wir – vielleicht zum ersten Mal ? – einer typischen englisch-japanischen, bzw. einer japanisch-englischen Vokabel; ‚orchestra’ wird zu ‚okesutora’ japanisiert, das empfinden die Japaner aber als zu lang oder schämen sich wegen der ungeschickten Umschreibung in Katakana und kürzen zu ‚oke; das ist nun nicht mehr Englisch, sondern ein richtiges neues japanisches Wort, welches man benutzen kann (und im Wörterbuch findet) ohne der Sprachimitation bezichtigt zu werden und ohne dass die Zunge verdreht werden muss). ‚kara’ wie in ‚Karate’ – leere Hand – ist japanisch. Leeres Orchester bedeutet nun Orchester ohne Sänger – die rekrutieren sich aus dem begeisterten Publikum.

Was wird gesungen? 90% Schnulzen oder ähnliche Schlager, 10% Volkslieder. Texte und Notenbücher liegen bereit, aber oft handelt es sich um populäre Schlager, deren Melodie und Text weitgehend geläufig sind. Natürlich versucht der Darbietende, sein Bestes zu geben. Sowohl was die Lautstärke (das Mikrophon ist wehrlos) als auch die Gefühlstiefe (die Gäste sind wehrlos) betrifft. Natürlich können die meisten nicht singen (was sie aber wohl kaum von der Masse der Schlagersänger unterscheidet), so fragt man sich, was das alles soll. Natürlich spart das Restaurant die Kosten für einen Gesangsstar, aber das allein kann es nicht sein, denn auch im privaten Kreis kommt unweigerlich die Karaoke-Gruselstunde (wenn es nur eine einzige wäre!). Sind die Zuhörer durch den täglichen Lärm im Verkehr, in den Kaufhäusern, auf den Bahnhöfen, den labyrinthischen unterirdischen Einkaufspassagen, im eigenen Haus (Fernsehen) so abgestumpft, dass sie nichts mehr schrecken kann? Oder ist es einfach der Wunsch zu singen, der Karaoke entstehen lies (mit dem in Kauf genommenen Nebeneffekt, dass die übrigen Gäste die resultierenden Luftschwingungen ertragen müssen)? Ist auch Karaoke ein Ventil für die ständig unter Gruppendruck stehenden Japaner mittleren Alters?

Es ist erstaunlich, wie unbeschwert und bar jeden Gefühles für die Qualität der Darbietung die Japaner sich aus der Gruppe lösen und eine Einzeldarbietung geben. Zu erklären ist das eigentlich nur so, dass der Sänger nicht mit dem Gefühl singt, getrennt vor der Gruppe zu stehen sondern mit der Gruppe aktiv zu sein; der Alkoholpegel allein dürfte nicht ausreichen (hat aber sicher einen starken enthemmenden Einfluss).

Dazu kommt nun auch, dass keiner, der zum Mikrophon greift, ausgepfiffen oder in irgendeiner Weise kritisiert wird. Das Äussern von Kritik ist keine japanische Eigenschaft. Selbst die mieseste Darbietung (was für Massstäbe sollte man hier auch anlegen?) wird mit Applaus belohnt – oder ihr Ende mit dankbarem Applaus zur Kenntnis genommen. Auch bei Karaoke wird niemand bloss gestellt oder in die Gefahr von Gesichtsverlust gebracht, da kann man hundertprozentig sicher sein.

Wie sollte es anders sein, Frauen allein treten sehr selten auf, meist paarweise oder als Pärchen.

Anwesende Ausländer werden – anders als bei in Volksgesängen oder Nationalhymnen ausartenden Ess- und Trinkabenden – selten auf die Bühne genötigt. Noten- bzw. Textlesen ist für die meisten wegen der nur in Japanisch vorliegenden Unterlagen nicht möglich. Vielleicht ist das aber auch nur ein geschickter Schachzug, um dem akustisch gequälten Ausländer die Möglichkeit zu einem rächenden Gesang, bzw. gesungener Racheaktion zu nehmen.

Japanreisende sollten also immer Ohro-Pax dabei haben, denn vorzeitiges Verlassen der Gruselstätte wird als grobe Unhöflichkeit betrachtet.

Übrigens – trotz aller Kritik – Karaoke setzt sich weltweit durch – eine Marktlücke?