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Radfahren

von Peter Nawrot

Tokyo besteht aus vielen kleinen Dörfern, die im Laufe der Jahrhunderte zusammengewachsen sind. Wenn man vom Tokyo-Tower auf die Stadt blickt, die in allen vier Himmelsrichtungen mit dem Horizont zu verschmelzen scheint, fallen die unzähligen kleinen (Holz)häuser (die meistens wie Steinhäuser aussehenden Gebäude sind aus Holz, wenn auch gut getarnt) auf, aus denen Tokyo weitgehend besteht. Zwischen den Häusern ziehen sich verwinkelte, schmale und schmalste Gassen hin, die nur eingeschränkten Fahrzeugverkehr zulassen und wo es keine Bürgersteige gibt. Hier hilft nur noch das Fahrrad.

In der Innenstadt, bzw. den Innenstädten, denn Tokyo setzt sich aus mehreren Stadtzentren zusammen (siehe oben), scheint es kaum Radfahrer zugeben (Radwege auch nicht). Entweder ist das Radfahren auf den grossen Strassen zu gefährlich, und deswegen radelt alles und jeder auf den Bürgersteigen, oder weil der Bürgersteig zum Radeln benutzt wird, wissen die Autofahrer oft nicht, wie Radfahrer aussehen ...

Japan ist eng und Bürgersteige ebenso, nicht nur Geschäfte dehnen sich in Richtung Bürgersteig aus (Innenraum ist knapp und teuer), sondern der im 2-3 Tagesrhythmus abgeholte Müll bildet Wälle aus Tüten Kartons etc. auf dem Bürgersteig (Japan ist eine Konsumgesellschaft im Verpackungswahn). Damit ist oft kaum Platz für die Fussgänger. Und die Radfahrer? Die klingeln.

Wahrscheinlich ist es ein Überlebenskampf. Auf der Strasse wird frau/man glatt überrollt, zumindest aber weggehupt, und die Bürgersteige sind voll mit eiligen Menschen. Ohne Klingeln und eine gewisse Rücksichtslosigkeit (oder sollte man Stoismus sagen?), die toleriert wird, weil sie anonym ist, gibt es kein Fortkommen. Also klingeln und durch, notfalls mit leichtem Körperkontakt. Da die Radfahrer nun in beiden Richtungen fahren (die breiten Strassen sind oft nur schwer zu überqueren), kommen also ständig auch Vertreter der radelnden Gattung von hinten. Kommen sie von beiden Seiten zugleich, hilft dem klingelgeschockten Fussgänger nur noch ein Sprung in den Vorgarten, der aber meist nicht vorhanden ist, also ab in die Müllberge am Strassenrand (abends geht es ja ins tägliche Bad). Total gestresste deutsche Besucher schlugen bereits Rückspiegel für Fussgänger vor, um Zeit für den rettenden Sprung zu gewinnen.

In den Aussenbezirken ist es einfacher, durch schmale Gassen ohne Bürgersteige geht es halbwegs reibungs- und kontaktlos zum Bahnhof (oder Einkaufszentrum), und dann übernimmt Japan Rails den Menschentransport, denn bis in die Innenstadt ist es zu weit und zu gefährlich. So jedenfalls ist die Theorie. Da in Japan meist alle dasselbe tun (und aus Platzgründen keine andere Wahl haben), sind Fahrradparkplätze in Bahnhofs- oder Einkaufszentrumsnähe Mangelware. Meist ist in weitem Umkreis das Fahrradparken verboten (alle 2-3 m ein entsprechendes Verbotsschild mit drastischen Warnungen, das aber oft zugeparkt ist), nur was ist die Alternative? Mit dem Fahrrad zum Bus zum Bahnhof? 10-15 Minuten Fussmarsch (!) vom legalen Fahrradabstellplatz? Also werden die Verbote weitgehend ignoriert, und alles ist total vollgestellt.

Periodisch werden die Räder von der Polizei eingesammelt und irgendwo deponiert. Hilft aber nichts, die nächsten freuen sich über die freien Plätze. Nun ja, manchmal gibt es in den Aussenbezirken riesige offizielle Fahrradparkplätze in Bahnhofsnähe, doch das zuständige Personal stapelt (!) die Räder gelegentlich, um Platz zu sparen. Das eigene Fahrrad dann wiederzufinden und unter einem Berg fremder Räder herauszufummeln, ist im allgemeinen eine länger andauernde Tätigkeit.

Neuerdings gibt es kostenpflichtige Abstellplätze, wodurch eine Regelung über den Geldbeutel versucht wird. Viel helfen wird es nicht.