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Taxi Fahren

von Peter Nawrot

Taxis gibt es unzählige in Tokyo, und manchmal halten sie auch an, obwohl sie einen Ausländer sehen.

Tokyos öffentliche Verkehrssysteme sind – besonders während der Stosszeiten morgens von 7.00 bis 9.00 und abends von 17.30 bis19.00 – total überfüllt und sorgen damit für einen steten Nachschub an Taxifahrgästen, die nicht auf engen Presskörperkontakt mit wem auch immer stehen. Darüber hinaus verleitet die dinosaurierartige Grösse der Stadt und ihr unstrukturierter Aufbau – krumme Gassen, die kaum Orientierung erlauben, willkürlich erscheinende Strassenführungen, fehlende Hausnummern bzw. wild durcheinandernumerierte Häuser, Ortsbezeichnungen wie ‚Taishido 2-13-15’ usw. – nicht zu selbsständigen Zielerkundungen, schon garnicht, wenn man ein orts-, sprach-, schrift- und sonstwie unkundiger Ausländer ist.

Also, möglichst aus der Dunkelheit heraus ein Taxi angehalten, damit man/frau nicht zu früh als Alien (=Ausländer) gespottet wird, und dann schnell hinein. Halt! Bitte nicht die Tür aufreissen, das wäre der zweite unverzeihliche Fehler (der erste ist die Tatsache, dass man Ausländer ist, jedenfalls aus Sicht der Taxiinnung). Taxitüren öffnen (und schliessen!) ‚automatisch’, und diese Öffnungsmechanik, bedient durch den autorisierten Fahrer allein, verträgt nicht immer den gewaltsamen Handbetrieb eines potentiellen Fahrgastes.

Erleichterung, wir sind drinnen. Kein Taxifahrer wird es wagen, einen Fahrgast abzulehnen, und sei er noch so aus (fremd-) ländisch, wenn er sich mal im Wagen befindet. Innerlich fluchend über sein Missgeschick, äusserlich mit unverbindlichem Pokerface wird er nun losfahren. Wohin? Nun ja, das ist die Frage. Der dritte unverzeihliche Fehler wäre, nun als volkshochschulgeschulter perfekter Japanischsprecher die exakte Adresse auf Japanisch anzugeben, sich zurückzulehnen und dem Fahrziel entgegenzuhoffen. Im ungünstigsten Fall wird der Fahre wortlos fahren und fahren und fahren und fahren ... bis es dem Fahrgast nach Stunden (so gross ist Tokyo nun auch wieder nicht!) doch etwas mulmig wird. Was ist passiert? Vermutlich traut sich der Taxifahrer nicht anzuhalten – dann muss er mit dem Marsmenschen auf dem Rücksitz REDEN –, noch nachzufragen, denn das würde heissen, er könne keine fremde Sprache und wäre trotzdem losgefahren – also wird er kreisen, bis der Sprit alle ist.

Fremde Sprache? Wir haben doch in perfektem Japanisch ... Mal vorausgesetzt, dass der Sprachkurs an der Volkshochschule nicht durch den Stille-Post-Effekt (ein Japaner unterrichtet einen Nichtjapaner, der unterrichtet wieder einen Nichtjapaner und so weiter) zu einem neuen, in Japan unbekannten japanischen Dialekt geführt hat, so liegt das Missverständnis daran, dass der Taxifahrer noch auf ausländisch eingestellt ist. Wer ausländisch aussieht (leicht zu erkennen in der homogenen japanischen Gesellschaft), benimmt sich ausländisch, spricht ausländisch und hat keinen blassen Schimmer von einer geschlossenen japanischen Inselgesellschaft. Auch wenn also ein ausländisches Individuum fliessend Japanisch spricht, so ist das für unseren Japaner kein Japanisch. Er wird vermutlich versuchen, mit seinen umfangreichen Schulenglischkenntnissen (hallo, girl, love) den Inhalt der Adresse zu ergründen. Natürlich vergeblich.

Was tun? Beim Einsteigen langsam und deutlich ‚Konnichi wa’ (Guten Tag) oder besser ‚Shitsurei shimasu’ (ich falle zur Last) oder besser ‚Sumimasen’ (Entschuldigung) oder garnichts sagen. Innerlich fluchend über sein Missgeschick ... aber halt, klang das nicht irgendwie Japanisch? Wenn man jetzt noch ganz vorsichtig mit ‚ääh to nee’ oder ‚saaa’ oder ähnlichen japanischen Grundvokabeln nachhilft, könnte sich das Gesicht des Taxifahrers aufhellen. Glück im Unglück? Tatsächlich Fahrgäste, mit denen nicht auf Primatenniveau kommuniziert werden muss? Wenn nun der Taxifahrer einen flüchtigen Blick nach hinten wirft und nicht weiter verbissen auf die Scheibe und verstohlen in den Rückspiegel blickt, ist er umgeschaltet.

Nun kann eine vorsichtige Konversation und Fahrtzielbestimmung erfolgen. Auch in diesem Fall wird der Fahrer sofort losfahren, selbst wenn er nicht so genau weiss wohin. Aber er hat ein gutes Gefühl dabei, man ist ja unter zivilisierten Menschen.

Am besten ist eine Visitenkarte oder eine Skizze oder beides, damit in der Zielgegend (z.B. Taishido), die noch relativ leicht und – verkehrsabhängig – schnell gefunden wird, dann die Feinpositionierung erfolgen kann. Nötigenfalls wird der Taxifahrer an einer der zahllosen Kobans (Zwei-Mann-Polizeistation) Erkundigungen einziehen. Die Koban Beamten kennen jeden Stein ihres Abschnitts (sie gehen immer zu Fuss oder radeln) und vor allem jedes Gesicht (böse Zungen behaupten, besonders jedes Ausländergesicht). Nun ist es relativ einfach, und der Taxifahrer wird nicht ruhen, bis er den Gast sicher abgeliefert hat. Er wird den Fahrgast nicht beim Preis übervorteilen, er wird ein Trinkgeld strikt verweigern und bis auf den letzten Yen herausgeben, liegengelassene Gegenstände wie Schosshunde, Babies, Ohrringe, Stereoanlagen etc. wird er eigenhändig abliefern und sich dann bei dieser Gelegenheit noch einmal dafür bedanken, dass der Gast in seine alte, unkomfortable Kiste, die den Namen Taxi eigentlich garnicht verdient, eingestiegen ist, und sich entschuldigen, dass er dafür auch noch Geld verlangt hat.

Weisse Handschuhe gehören zur Uniform des Taxifahrers und werden nicht zum Schutz vor ansteckenden Krankheiten bei der Beförderung von Ausländern getragen und werden stündlich gewechselt.

Und, bitte, bitte, die Tür beim Aussteigen nicht schwungvoll zuknallen ...