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Tendo World Aikido Seminar 2009 in Japan

ein kleiner bedeutungsloser Reisebericht

Gaijin überall. Morgens früh um 9 Uhr vor dem Tendokan in Tokyo an einem Feiertag (Tag des Sportes !), wo sonst nur die ersten Frühaufsteher ihre Hunde ausführen oder die letzten Barbesucher von ihren Freundinnen/Frauen den Gehweg entlang gezogtragen werden, wimmelte es von gepäckbestückten etwa 100 Ausländern. Wird der Tendokan im Morgengrauen von ausländischen Aikidoka im Sturm übernommen? Nein, es ist der Treffpunkt zur Abfahrt zum Weltseminar für aus aller Welt herbei gereiste Tendoryu Aikidoka.

Drei komfortable Reisebusse standen schon leerlaufend bereit, und nach kurzer Begrüßung von einigen Bekannten, Halbbekannten und Unbekannten aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Dänemark, Spanien, Serbien, Slowenien, Russland, und wer weiß noch welchen Ländern verschwanden Gepäck und Menschen listengesteuert in den Bussen. Nach kurzer Einführung im Bus auf Englisch und Japanisch ging es los in Richtung Odawara auf der dauermautpflichtigen Autobahn. Die Aufregung, erkenntlich am buntlauten Sprachgemisch, legte sich nun langsam, und die Japaner nickten bereits nach den ersten Minuten in Sitzhaltung gewohnheitsgemäß ein.

Erster Sightseeing-Halt ist ein kleines Schloß im Stil der großen Schlößer (Osaka, Nagoya usw.) mit ehemaligem Zoo. Der einzige Elefant ist – wohl an Einsamkeit oder ständigem Fischfrühstück – vor Jahren in die ewigen Jagdgründe (ob’s da besser ist ?) gegangen, und so hielten nur noch einige besuchergestreßte Affen die Kameras am Klicken. Die ersten nationalen und internationalen Bekanntschaften wurden geknüpft, Sprachkenntnisse am lebenden Objekt ausprobiert, und schon ging es weiter.

Die Busse hielten etwa alle 1-2 Stunden, entweder an Autobahnraststätten oder an Sightseeing-Punkten. Jedes Mal wurden an kilometerlangen Getränkeautomatenbatterien Getränke nachgeladen, Nudel-, Takko- oder andere Futterstellen gestürmt und hygienischen Bedürfnissen entsprochen.

Zweiter großer Halt sollte nach malerischer Fahrt durch unendliches Grün mit garantiertem Meeresblick der Höhepunkt auf dem Höhepunkt im Hakone Nationalpark sein. Höhepunkt will heißen Blick auf den Fuji-San und erhabener Rundblick auf die herrliche Landschaft. Soviel zur Theorie. Leider hatten an diesem Feiertag auch einige andere – und in Japan heißt das Millionen – Japaner dieselbe Idee, und so steckten die Busse einen Kilometer vom Höhepunkt entfernt im Stau fest. Nach einer Stunde zentimeterweisen Nachrückens gaben wir auf, hatten aber doch unvergeßliche Eindrücke, und es tat der Stimmung keinen Abbruch, zumal wir ja noch den wirklichen Höhepunkt unserer Reise, den Lehrgang in Izu, vor uns hatten.

Wir verließen die Autobahn und kurvten in Richtung Süden entlang der Halbinsel Izu. Die Straßen wurden immer schmaler, und wir passierten unzählige Tunnel und malerische Dörfer bis zur größten Stadt am Ende der Südspitze, Shimoda (hier landete Commodore Perry mit seiner Schwarzen Flotte im vorvorigen Jahrhundert). Kurz nach Shimoda war Schluß mit den großen Bussen, und wir erreichten in mehreren Schüben in hoteleigenen Kleinbussen nach etwa 10km Fahrt bergauf das inmitten von Grün weitab jeder Zivilisation liegende Kannon Onsen Hotel (‚Pygmalion’). Gut organisiert verschwanden die Reiseteilnehmer zu viert oder fünft in drei Gebäuden. Die Tatami-Räume der First Class Anlage waren groß genug für das in Japan durchaus übliche Übernachten von mehreren Personen in einem Raum. Einige Zimmer waren sogar mit einem eigenen kleinen Onsen im Vorraum bestückt.

Einzelheiten zur Übernachtung und den Zimmern finden sich in den Izu-Reiseberichten vom Oktober 2007 und 2008 auf der Berliner Tendoryu Aikido Homepage.

Nach kurzer Zimmerbesichtigung und Zimmergenossenbeschnüffelung – die Zimmereinteilung war festgelegt – trafen sich die ersten Mutigen im heißen japanischen Quellbad (Onsen, zwei Innenbäder, ein Außenbad für jeweils Frauen und Männer) mit alkalischem, leicht seifigem Wasser. Totaler Entspannungsgenuß mit Blick auf die japanische Landschaft.

Offiziell waren wir 140 Teilnehmer, so stand es jedenfalls in der lokalen Zeitung, für die ein derartiges Ereignis mit mehr als 100 Ausländern noch jahrelang ein Gesprächsstoff sein wird. Das Dojo ist riesengroß, und Shimizu Sensei kannte bereits den Vater der heutigen Besitzerin. Durch diese Verbindung entstand der dann verwirklichte Wunsch nach dem Bau eines Dojos auf dem Hotelgelände.

Für 140 Aikidoka aus 14 Ländern gab es 800qm Tatami mit drei unterschiedlichen Härtegraden (je nach Herkunft), so war dann auf den härteren Bereichen genügend Platz zum Trainieren. Nach kurzer Ansprache eines lokalen Politikers und der Besitzerin begrüßte Shimizu Sensei die Teilnehmer und wies noch einmal auf die über das reine Training weit hinausgehende Bedeutung der internationalen Freundschaft hin.

Die ersten 45 Minuten Training inmitten der malerischen Berglandschaft vergingen wie im Fluge, und schon fand man/frau sich wieder im heißen Bad. Die Organisation des reichhaltigen Abendessens für mehr als 140 Personen war japanisch perfekt und schnell, und nach dem Essen wurden bei einer kleinen Party die ersten Erfahrungen ausgetauscht.

Die nächsten zwei Tage verliefen ähnlich, 6:45 Uhr Frühstück, danach heißes Bad, dann zwei Trainingseinheiten mit Wahl der Mattenhärte (siehe oben), dann gemeinsames Mittagessen (freiwillig, aber es gab keine Alternative in der Abgeschiedenheit des Hotels), dann Ruhephase, Spaziergänge oder wieder heiße Bäder oder Sauna uns schließlich Nachmittagstraining, Abendessen und Party (mit Karaoke).

Am letzten Abend wurde gebarbecuet (glücklicherweise hatte der morgendliche Tropenregen aufgehört). Vor dem Hotel auf einer terrassenförmigen japanischen Gartenanlage bruzzelten auf 10-15 Feuerstellen alle möglichen Sorten Fleisch, Würste, Fisch und Grünzeug. So konnten wir uns beim Herumschlendern mit dem Gesprächspartner an nahezu jeder Stelle neu verköstigen.

Am folgenden Morgen erholten wir uns dann ein letztes Mal bei einem körperlich und mental reinigendem Bad, dann Packen, Verabschiedung mit kleinen Onsen-Werbegeschenken und Abfahrt mit Kleinbussen zur nächsten großen Straße, wo die Reisebusse wieder vor sich hin dieselten. Die meisten (Ausländer !) liefen den Weg zu den Reisebussen zu Fuß durch Mandarinenhaine und genoßen ein letztes Mal Aussicht und frische Luft.

Der erste Halt auf der Rückfahrt war ein kleines, altjapanisches Städtchen. Der zweite Halt, 20 Minuten später, an der Westküste von Izu (die Hinfahrt verlief an der Ostküste) war ein malerischer Aussichtspunkt mit Meeresblick, Klippen und typisch japanischen zerklüfteten Inseln.

Was gab es auf dem Lehrgang für Besonderheiten? Im Laufe der Party wurde ein altes Video mit Kenta im Alter von 2-3 Jahren, seiner Mutter und Schwiegermutter beim Aikido Training gezeigt. Ein zweites Video war eine TV-Aufzeichnung der Serie ‚Der 6. Sinn’, in dem Shimizu Sensei bei verschiedenen Experimenten nach Ansicht von TV-Fachleuten eine über die Wahrscheinlichkeit hinausgehende Trefferquote erzielen konnte. Getrennt durch eine weiße Zeltwand reagierte Shimizu Sensei z.B. auf Angriffsbewegungen eines für ihn nicht sichtbaren Uke auf der anderen Seite der Wand. Herangezogene Spezialisten konnten diese Ergebnisse nur durch den sogenannten 6. Sinn erklären.

Während der verschiedenen abendlichen Parties heizten Gesangssolos, -duos und –gruppen serbischen und mexikanischen Ursprungs die Stimmung an.

Das vorbildliche Verhalten der serbischen Mannschaft fand die besondere Anerkennung von Shimizu Sensei. Die Serben waren zu 12 Mann einen Monat in Japan und hatten bereits eine Woche vor dem Lehrgang in Izu maßgeblich beim Mattenaufbau und der Dojo-Reinigung geholfen. Wenn man die hohen Reisekosten betrachtet, sollte man nicht vergessen, daß der serbische Durchschnittslohn bei etwa 10% des Deutschen liegt.

Der Mattenabbau – verschiedene Mattensorten, 140 Helfer und etwa 10 Organisatoren – verlief entsprechend chaotisch, aber am Ende waren dann doch alle 300-400 Matten säuberlich am Dojo-Rand gestapelt.

Natürlich wurde bei der Zimmerverteilung nicht nach Schnarchern und Nichtschnarchern gertrennt, daher stieg die Ohro-Pax (mimisen)-Nachfrage sprunghaft an. In einem Zimmer mit 50% Schwerstschnarcheranteil – die Namen der Beteiligten aus Hamburg und Deggendorf wollen wir anonym lassen – konnten sich die verzweifelten Nichtschnarcher nur noch ins zimmereigene Bad, bzw. auf den Korridor retten. Japanische Frühaufsteher wunderteh sich, hielten aber bei der 100-köpfigen Ausländerübermacht alles für möglich und waren froh, nicht weiter involviert zu werden. Im Bad, bzw. auf dem Flur schlief es sich übrigens ausgezeichnet ...

Mit einer Stunde Verspätung ereichten die Busse den Tendokan in Setagaya, und nach rascher Gepäckausgabe verschwanden die 100 Ausländer blitzartig auf geheimnisvolle Weise, als ob nichts gewesen wäre. Vermutlich glauben die Anwohner noch immer an eine Alieninvasion oder einen Spuk.

Nein, nein, der Lehrgang ging noch weiter. Am Freitag und Sonnabend wurden jeweils morgens und abends zwei Trainingseinheiten angeboten, und listengesteuert durfte jeder Teilnehmer an jedem Tag einmal trainieren. Trotzdem war der Tendokan jedes Mal gerammelt voll, und in der Garderobe herrschten Zustände wie in der U-Bahn zur Rushhour.

Den offiziellen Lehrgangsabschluß bildete eine Party im vornehmen ‚Ginza Asta’ Restaurant in Sangenjaya gegenüber dem Tendokan. Ab 17 Uhr strömten Scharen von anzug- und schlipsbestückten Aikidoka die Straße entlang zum Restaurant. Nur wenige Ausländer wagten den Einlaß ohne Krawatte und fielen in der Masse der gut 200 Gäste kaum auf.

Zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik und Sport (z. B. Watanabe Sensei, 74 Jahre) gaben sich die Ehre und nahmen an den reservierten Tischen Platz. Nach mehreren förmlichen Ansprachen, u.a. auch von dem Vorsitzenden TWA Europa und unterbrochen von hochrangigen Musikdarbietungen (Koto und Shakuhachi) empfing auch Shimizu Sensei in festlichem Kimono die Gäste.

Das sportliche Programm bestand aus einer spritzigen Kinderdemonstration (Trio), einem dynamischen Duo von Waka Sensei und Nagai Sensei, und dann dem Höhepunkt mit der Darbietung von Shimizu Sensei mit den beiden Ukes Waka Sensei und Nagai Sensei, wobei Shimizu Sensei vorrangig Techniken mit zwei Partnern zeigte und erklärte.

Nach dem reichhaltigen Essen und endlos fließenden Getränken aller Alkoholstufen (Kannon Onsen spendete wieder Probepackungen und ein Faß Sake) berichteten Shimizu Sensei und Aikidoka aus jener Zeit vom Training während seiner Uchi-Deshi Zeit und über die damalige Tätigkeit von Shimizu Sensei als Coach für Kampfsportszenen in Filmstudios.

Zahlreiche Gückwunschschreiben von Politikern (u.a. dem Bürgermeister von Setagaya), ehemaligen Olympioniken, Schauspielern (Ken Takakura,. Jo Raita, etc) und anderen Persönlichkeiten wurden Japanisch und Englisch verlesen.

Um 21 Uhr waren schließlich Party, 40-jährige Jubiläumsfeierlichkeiten und ein einmaliger erfrischender und völkerverbindender Lehrgang zuende, und wir danken an dieser Stelle noch einmal Shimizu Sensei und den vielen japanischen (und serbischen) Helfern für die aufopferungsvollen Vorbereitungsarbeiten und den sehr erfolgreichen Ablauf der vielen Einzelveranstaltungen.

Wir freuen uns auf das nächste 40-jährige Jubiläum ...

© Tendoryu Aikido Berlin 11/2009