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Win-Win

Kawaraban Nr. 54

05/2003

von Bernhard Rösch

(38 Jahre, Abteilungsleiter Kartensysteme)

Haben Sie den in letzter Zeit in Mode gekommenen Ausdruck „Win-Win“ schon einmal gehört? Laut Wörterbuch bedeutet es „etwas Günstiges und Vorteilhaftes für beide Seiten bei Verhandlungen oder ähnlichem“. Dieser Begriff lässt sich weitläufig verwenden, doch wenn man ihn zum Beispiel im Geschäftsleben verwendet, hat er die Bedeutung: Partner A bringt viel Verständnis für Partner B auf, und dadurch, dass er auch Partner B Vorteile verschafft, führt das Geschäft zum Erfolg.

Dieses Konzept klingt vertraut, nicht wahr?

Ich möchte mich zuerst einmal vorstellen ...

Seien Sie gegrüsst, mein Name ist Bernhard Rösch. Sie werden wohl schon an meinen Namen erkannt haben, dass ich kein Japaner bin. Geboren und aufgewachsen bin ich auf dem Land im ehemaligen Westdeutschland. 1990, mit 25 Jahren, bin ich zum ersten Mal als Praktikant nach Japan gekommen. Danach bin ich aus beruflichen Gründen oft zwischen Japan und Deutschland hin und her gependelt. Alles in allem habe ich schon eine zehnjährige Japangeschichte. Ich wohne mit meiner Frau (einer Japanerin) und meinem 5-jährigen Sohn zusammen in Tōkyō.

Besondere äusserliche Merkmale gibt es eigentlich nicht. Ich bin der, der sich beim Frühtraining allen gegenüber unhöflich benimmt, unrasiert und ein verschlafenes Gesicht (ich möchte mich bei allen entschuldigen, die das bemerkt haben). Ich hatte schon vorher in Deutschland und in Japan trainiert und bin nun vor ungefähr einem halben Jahr zusammen mit meinem Sohn zum Tendōryu-Aikidō gekommen.

Warum Aikidō? Warum Tendōryu?

Warum nur? Was waren Ihre Gründe? Weil ich bis jetzt nicht allzu tief darüber nachgedacht habe, möchte ich mit Ihnen hier gemeinsam etwas darüber nachdenken (für die Reihenfolge gibt es keinen bestimmten Grund).

Ich trainiere Aikido

  • der Gesundheit wegen
  • wegen Shimizu Sensei, den anderen Lehrern und allen Schülern
  • weil ich glaube, dass das Tendōryu-Aikidō das Aikidō ist, das nach meiner bisherigen Erfahrung dem wahren Kern am nächsten ist
  • weil mir Bewegungen und Gedanken des Aikidō ganz einfach zusagen
  • weil ich es in den verschiedensten Bereichen anwenden kann, und weil es allgemein gesagt sich um ein Budō handelt, das einen ins Gleichgewicht bringt.

Ich könnte diese Liste noch fortführen, z.B. auch weil ich meinem Sohn nicht unterliegen möchte ...

Über die Anwendung des Aikidō

Wie bei dem vorher erwähnten Win-Win darf sich nicht eine Seite alle Vorteile herausnehmen, sondern es ist wichtig, daran zu denken, eine Balance zu erreichen. Und das ist, glaube ich, dem Aikidō sehr ähnlich. Wenn man als Uke mit dem anderen trainiert, wechselt man ganz natürlich den Standpunkt, und mit der gleichen Trainingsmenge kann man in die entsprechende Rolle schlüpfen und sich daran erfreuen. Und wenn wir immer in Übereinstimmung mit dem Ki (Tempo) des Partners sind und zusammen eine Bewegung ausführen, wird (zumindest bei fortgeschrittenen Schülern) zum ersten Mal eine Technik entstehen.

Seit kurzem spüre ich deutlich die natürliche Stärke und die Schönheit des hiesigen Aikidō, rauf und runter, links und rechts, omote und ura, der ganze Körper wird eingesetzt, und es gibt keine überflüssigen Bewegungen, alles ist im Gleichgewicht.

Die harte Wirklichkeit?

Das Problem ist, zurückkommend auf die Wirklichkeit, dass ich die Positionen noch nicht beherrsche, und meine Füsse sich nicht wie gewollt bewegen. Wenn es geschickte Menschen gibt, dann gibt es auch Menschen wie mich. Scheint nicht leider auch in diesem Fall hier ein Gleichgewicht erreicht worden zu sein?

Zum Schluss möchte ich ein Wort von Shimizu Sensei benutzen (ehrfurchtsvoll): „Wiederholung ist wichtig“, das unablässige Wiederholen derselben Technik, und ein „von Leben erfülltes Training“ sind der Schlüssel zum Fortschritt.

Nun, auch im Deutschen sagt man „Übung macht den Meister“. Das lässt mich noch hoffen. Ich vermute es wird gelehrt, dass man „dreimal pro Woche trainieren, und täglich Aikidō betreiben sollte“. Nun ja, es wird wohl noch eine Weile dauern.

Ich freue mich auf das nächste Training. Vielen Dank.

© übersetzt von Birgit Lauenstein und Peter Nawrot 09/2003