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Interview mit Frau Hiroku Tai

Off Time Nr. 9

von Kenta Shimizu

Das heutige Interview findet mit Frau Hiroku Tai statt, die seit ihrer Studienzeit fleißig Aikido studiert und gegenwärtig bei der japanischen Kulturbehörde arbeitet. Es ist typisch, daß in der Welt des Aikido und bei Behörden oft die Einstellung vorzuherrschen scheint, daß wir in einer Männergesellschaft leben, und sehen wir uns nicht häufig mit der Frage konfrontiert, was für eine Einstellung die Frauen dazu haben? Weiterhin erfuhren wir vieles vom Gesicht der Kultur bis zu den Gedanken zur Zukunft Japans. Meine Damen, das ist Pflichtlektüre!

Unter welchen Umständen sind Sie in den Tendokan eingetreten ?

Es hat damit begonnen, daß ich einem Arbeitskollegen vorgestellt wurde. An meinem Arbeitsplatz sind Mitarbeiter beschäftigt, die im Tendokan trainieren, und als sie erfuhren, daß ich Aikido betrieben hatte, sprachen sie mich an. Aus diesem Anlaßbin ich in den Tendokan eingetreten. Shimizu Senseis Techniken begeisterten mich, und die Stimmung im Dojo und der anderen Schüler war ausgezeichnet.

Wie ergab es sich Ihr erster Kontakt zum Aikido?

Es begann damit, daß ich mir auf der Mittelstufe (Junior High School) von Freunden Bujutsu-Manga borgte (Lachen). Ich war von traditionellen Dingen und ganz besonders von Budo begeistert, und auf der Oberstufe suchte ich mir ein lokales Dojo in der Stadt und trainierte. Auch nach dem Wechsel auf die Universität waren die Clubaktivitäten der Aikido-Gruppe sehr beliebt, und seit meinem Eintritt in den Club wurde das Aikido wirklich ein sehr wichtiger Teil meines Studentenlebens. Im gleichen Jahr waren unter den 15 Teilnehmern nur 3 Frauen, wir waren also relativ wenige.

Brachte Sie Ihr Umfeld, wo es fast nur Männer gibt, gelegentlich in Verlegenheit?

Anfangs als ich mit Aikido begonnen hatte, war ich für eine Frau auch relativ groß, und wenn ich mit den Männern trainierte, habe ich viel mit Krafteinsatz gearbeitet, und ich glaube, daß ich dabei einen Gesichtausdruck, daß ich den Männern nicht unterlegen sein will.Aber da es im Vergleich zu den Männern doch einen Unterschied bezüglich der Körperkraft gibt, machte ich mir Sorgen, schnell Schwierigkeiten zu bekommen.Unter den Studenten gab es im gleichen Universitätsjahr ein schmal gebautes Mädchen, das natürlich mit ihrer Körperkraft den sehr viel größeren Männern nicht gewachsen war, und sie trainierte daher immer unbekümmert auf ihre eigene Weise. Eines Tages machte sie plötzlich große Fortschritte. Im Aikido kollidiert man nicht mit der von vorne kommenden Angriffskraft, sondern es ist eine Budo-Kunst, bei der man der Kraft des Angreifers ausweicht und Techniken in natürlicher Form ausführt. Dieses Mädchen hatte sofort begriffen, daß sie wegen ihrer Schmächtigkeit die Techniken nicht mit Körpereinsatz ausführen konnte und diese Erkenntnis zu ihrem Vorteil ausgenutzt. Sie war sich ihrer Fähigkeiten voll bewußt und hat ein Aikido praktiziert, das den Körper mit Leben erfüllt. Und ich dachte mir, als ich diese Mädchen beobachtete, daß man auf diese Weise die eigene Schwäche zu einer Stärke machen muß.

Auf welche Weise haben Sie Aikido im täglichen Leben nutzen können?

Ich lernte durch das Aikido, daß man mit einem von vorne kommenden Angriff nicht zusammenstößt, sondern daß es wesentlich ist, eine natürliche Körperhaltung einzunehmen und überflüssige Bewegungen zu vermeiden.

Was nun meine Arbeit betrifft, so ist die Zahl der Frauen am Arbeitsplatz zwar angestiegen ist und es werden mehr Frauen eingestellt, aber es ist doch noch eine Gesellschaft, in der die Männer überwiegen. Auch wenn es so ist, so geht es nicht darum, sich abzuquälen, sich genauso wie die Männern zu verhalten, sondern wenn wir die Meinungen und die Gedanken, die uns Frauen zu eigen sind, aktiv zum Ausdruck bringen, wird auch das Gefühl des Unbehagens und der Diskriminierung verschwinden, und wir können unsere Arbeit mit einem frischen Selbstgefühl ausführen. Außerdem möchte ich durch den Willen, ein stärkeres Selbst zu zeigen, gern ein Mensch werden, dessen innerer Kern standhaft ist und der gleichzeitig eine angenehme Atmosphäre durch eine natürliche Körperhaltung verbreitet.

Die natürliche Körperhaltung ist etwas, was wir beim Aikido lernen, und ich denke, auch umgekehrt ist es ein Weg, auf dem sich Fortschritte im Aikido erzielen lassen, wenn wir uns natürlich bewegen können. Es ist gut, wenn sich Synergieeffekte ergeben, nicht wahr?

Wie hoch etwa ist der Anteil der Frauen an Ihrer Arbeitsstelle?

In der Kulturbehörde gibt es Bereiche mit relativ vielen Frauen, in meiner Abteilung sind ein Drittel Frauen. Je nach Amt gibt es auch Unterschiede, und weil früher die Einstellung von Frauen ausgesprochen gering war, gibt es in den höheren Positionen wenige Frauen, aber jetzt werden in zunehmendem Maße Frauen eingestellt.

Mit welchen Aufgaben beschäftigt sich die Japanische Kulturbehörde?

Das Amt, dem ich zugeordnet bin, nennt sich Japanische Kulturbehörde - Abteilung für Kulturgüter - Sektion Traditionelle Kultur. Wir sind für Japans wichtigste Kulturgüter sowie für historische Gebäude zuständig, und die Hauptarbeit der Abteilung für Kulturgüter besteht darin, Kulturgüter kontinuierlich in dem Maße zu bewahren, wie uns Unterstützungsgelder zur Verfügung stehen. Es handelt sich hier nicht nur um materielle Kulturgüter, sondern wir sind auch verantwortlich für die sogenannten immateriellen Kulturgüter wie die traditionelle öffentliche Bühnenkunst von Kabuki bis Bunraku und für die traditionellen Kunstgewerbe von der Färberei bis zu Keramikherstellung. Und zu unserem Aufgabenbereich gehören die Personen, die diese Fertigkeiten verkörpern, die sogenannten menschlichen Nationalschätze, die wir auch unterstützen.

Warum haben Sie sich für die jetzige Arbeit entschieden?

Seit früher habe ich mich für Gemäldegallerien und Museen interessiert. Ausserdem interessierte ich mich seit meiner Kindheit für die lokale Volkskunst der O-Kagura (alte Schinto Musik und Tanz). Es hat mich sehr beeindruckt, daß an den Tagen, an denen das O-Kagura stattfand, auch wir Kinder lange auf bleiben durften (Lachen).

Die jeweiligen Regionen des Landes verkörpern derartige traditionelle Künste. Ich interessierte mich dafür und das war auch der Hauptgrund bei Auswahl meines Arbeitsplatzes

Welche Aktivitäten planen Sie innerhalb der Kulturbehörde in Zukunft?

Ich habe das Gefühl, daß sich heutzutage die traditionelle Kultur weit vom Leben der Menschen entfernt hat. Damit die verantwortliche Kulturbehörde überleben kann, wird sie vom Staat aus Steuermitteln finanziert. Deswegen denke ich, daß es von wesentlicher Bedeutung ist, daß eine größere Anzahl von noch mehr Menschen die Faszination versteht, warum traditionelle Kultur wichtig ist. Dazu ist es notwendig, eine Umgebung zu schaffen, in der sich die traditionellen Kultur direkt spüren läßt. Ich denke, daß die Räume des täglichen Lebens noch mehr Kultur beinhalten sollten.

Es gibt zum Beispiel in Europa überall in den Städten historische Gebäude.

Es wird häufig gesagt, daß im heutigen Japan alle Städte anscheinend gleich aussehen, wohin man auch geht, aber das sollte nicht so sein. Wir als Kulturbehörde wollen gern bei Gestaltung einer Region mithelfen, damit jede Region ihre einzigartige Kultur und historische Bausubstanz verkörpern kann. Natürlich ist das keine einfache Sache, aber wir bemühen uns, in diese Richtung zu gehen.

Das Problem liegt nicht daran, daß die heutigen junge Generation kein Interesse an der japanischen Kultur hat, sondern vielmehr daran, daß sie die japanische Kultur einfach nicht kennt.

Ja, das ist wohl so. Wenn wir uns in einer Umwelt befinden, in der wir von Kindheit an mit der Natur und mit Dingen wie die Japanischen Kultur in Berührung kommen, kann daraus auch ein intensives Nachdenken über die Kultur entstehen. Und hervorragende Kultur bewegt die Herzen der Menschen, glaube ich.

Ich denke, auch Aikido ist ein besonderes Kulturgut, auf das Japan stolz sein kann. Und ich hoffe weiterhin, daß es viele Mensche näher kennenlernen.

Vielen Dank für heute. Und nun noch eine letzte Bitte. Was für eine Nachricht haben Sie für diejenigen, die sich für Aikido interessieren?

Ich rate dazu, erst einmal selbst im Aikido Erfahrungen zu sammeln. Die Begegnung mit Aikido könnte das ganze Leben positiv beeinflussen.

Vielen Dank für das heutige Gespräch.

Die Homepage der Kulturbehörde ist

http://www.bunka.go.jp/

© übersetzt von Ichiro Murata und Peter Nawrot 11/2007

 

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