Skip navigation

Das Wissen vom Schmerz des Anderen

Kawaraban Nr. 26

04/1996

von Kenji Shimizu

Der Winter dieses Jahr war weltweit extrem streng. In Deutschland gab es sogar gelegentlich Tage, an denen die Temperaturen spät nachts bei unter minus 20 Grad lagen. Auch ich, der daran gewöhnt sein sollte, spürte dieses Mal mitten im Unterricht, wie die Kälte von den Füssen zu den Knien aufstieg, und die Schmerzen im Knie kehrten zurück. Zeitweilig trug ich mich mit dem Gedanken, den Unterricht zu unterbrechen, doch in Anbetracht der aus den verschiedensten Orten versammelten Teilnehmer, die ich nicht im Stich lassen wollte, änderte ich meine Meinung und hielt unter Aufbietung aller Kräfte durch.

Die Schmerzen hielten an, doch schaffte ich es bis nach Berlin, dem letzten Lehrgangsort . Allerdings ermattete zum Schluss mein Ki irgendwie, und die Schmerzen im Knie wurden so stark, dass “seiza” (Kniesitz) schwierig wurde. Es war äusserst unangenehm, da es auch in Europa üblich ist, vor Beginn und am Ende des Trainings sich im Sitzen zu verneigen.

Viele der Aikidoka waren von weit her, aus München oder von noch entfernteren Orten gekommen. Einige von ihnen sogar mit dem Flugzeug. Viele wussten schon die ganze Zeit, dass mein Knie nicht in Ordnung ist. Es liess sich leider nicht ändern.

Jedoch drückten die Deutschen in allem, in Sprache und Verhalten, ihr Gefühl “Shimizu unterdrückt seine Schmerzen und unterrichtet uns” aus und zeigten herzliche Fürsorge.

Und während des Lehrgangs im Dojo herrschte eine angenehme Stimmung.

Die Deutschen haben das wohl beim normalen Training gelernt, und mir schien, dass ich einen flüchtigen Blick vom sogenannten Bushido-Geist bei ihnen erblickt habe. Von Natur aus sind die Deutschen Menschen, die das Unglück der anderen wie das eigene empfinden und entsprechende Massnahmen ergreifen. Ein jeder Mensch freut sich über eine freundliche Hilfe in der Not.

Nun, im Aikido werden keine Wettkämpfe abgehalten. Man trainiert das eigene Selbst, was über Sieg und Niederlage hinausgeht. Es ist Budo, wo der Partner nicht als Gegner betrachtet, wo im Training keine Schmerzen zugefügt werden oder der Partner fertigge-macht wird. Durch das ständige Wiederholen einer Technik fördert man die Ausdauer und eignet sich die Fähigkeit zu Wohlwollen, Liebe und Respekt an.

Wie vorher schon gesagt, weil sich alle so herzlich um mich kümmerten, war es mir auch möglich, ein für alle zufriedenstellendes Training abzuhalten.

Dies waren schmerzhafte Erfahrungen, doch glaube ich, dass sie bedeutsam sind, und ich sie verwerten muss.

Auch wenn die Länder verschieden sind, so sind die Grundprinzipien der Menschen gleich. Aus Europa zurückgekehrt und im Tendokan vor Ihnen stehend fühle ich mich wieder glücklich.

© übersetzt von Birgit Lauenstein 09/2002