Skip navigation

Erinnerungen an das Privattraining

Kawaraban Nr. 78

06/2009

vom Leiter des Tendokan, Kenji Shimizu

Dieses Jahr besteht der Tendokan bereits seit 40 Jahren. Mir schießen kaleidoskopisch Erinnerungen an die Uchi Deshi Zeit, mit der ich Aikido begonnen habe, durch den Kopf. Im Jahr 1963 begann ich das Training unter der Leitung des Begründers, Morihei Ueshiba, und aus jener Uchi Deshi Zeit möchte ich ein wenig erzählen.

Damals trainierte ich von morgens bis abends ohne Unterlaß, und normalerweise erschien einmal pro Woche Herr Hidehiko Hioki zum Privattraining bei O-Sensei. Herr Hioki war der Besitzer der Stammhausfirma Masamoto Shime für Duftstoffe, die zu jener Zeit in Japan in dieser Branche führend gewesen sein soll. Da er auch häufig nach Frankreich reiste, habe ich die verschiedensten Souvenirs wie Hermes Krawatten etc. erhalten.

Ohne vermessen erscheinen zu wollen erlaube mir hier zu bemerken, daß O-Sensei mich gebeten hatte, das Ukemi zu machen, und so war ich Uke für O-Sensei und machte das für Ukemi für Herrn Hioki. Weil an diesem Spezialtraining keine anderen Leute teilnehmen durften, erfüllte mich das mit Stolz. Zu jener Zeit war Herr Hioki Mitte sechzig und hatte Diabetis, und deshalb ruhte er sich alle 10 Minuten etwas aus. Bei diesen Gelegenheiten stellte ich eifrig Fragen, um O-Sensei Einzelheiten zu schwierigen Techniken zu fragen. Freudig sagte er: „Versuche mal, mich hier zu greifen“ oder „Versuche, mich anzugreifen“, und so konnte ich äußerst wertvolle technische Einzelheiten erlernen. Heute bewahre ich diese Geheimtechniken als meinen Schatz.

Nun ja, ich möchte aber auch etwas über eine außergewöhnliche Situation berichten. Während des Trainings sagte O-Sensei gelegentlich: „Als nächster sollte Shimizu (die Technik) ausführen“, und er meinte, daß ich nun Herrn Hioki ohne Zögern werfen sollte, da es natürlich außer ihm keinen Uke gab. Aber da Herr Hioki als Uke nicht so gut war, dachte ich, daß ich ihn eigentlich nicht richtig werfen konnte. Herr Hioki war Herr Hioki, und er sagte mit ernstem Blick, der seine entschlossene Bereitschaft ausdrückte: „Bitte greifen Sie ohne Zögern an“. Wenn ich genau darüber nachdenke, wollte O-Sensei mir wohl beibringen, daß man bei einem wie auch immer gearteten Gegner stets einen ernsten, aufmerksamen Geist bewahren muß.

Gerade an einem Trainingstag war O-Sensei wegen eines dringenden Geschäftstermins irgendwohin gegangen, Herr Hioki erschien etwas früher und bemerkte: „Heute habe ich es etwas eiliger, deshalb möchte ich lieber früher mit dem Training Schluß machen“. Aber O-Sensei, der sich mit den Worten verabschiedet hatte, daß er zum Training mit Herrn Hioki wieder da sein würde, war noch nicht zurückgekehrt. Herr Hioki meinte: „Ich habe ausreichend mit Ihnen, Herr Shimizu, trainiert.“ Ich war wegen der Zeit besorgt, aber auch Herr Hioki hatte Zeitprobleme, so bemühte ich mich besonders, ihn zu unterrichten, und er ging dann nach etwa 20 Minuten Training nach Hause. Unmittelbar danach kehrte O-Sensei zurück. „Ist Herr Hioki erschienen?“ fragte er, und als ich mit gutem Gewissen antwortete: „Sie haben mich an Ihrer Stelle das Training leiten lassen“, brach O-Sensei, der sich nun vollständig verändert hatte, in gewaltigen Ärger aus. Er rief: „Hast Du etwa gedacht, daß Du die Leitung des Trainings von Herrn Hioki übernehmen könntest?“, und dabei schienen seine Augäpfel hervorzuspringen. Wenn ich jetzt die Worte von O-Sensei reflektiere, so hatte ich damals dank seiner Wörter über mein Verhalten nachgedacht und verstanden, daß er recht hatte, aber dennoch schoß mir auch durch den Kopf: „Verdammt noch mal, warum versteht er die Situation denn nicht“.

Dieses Privattraining fand nur einmal pro Woche statt und war womöglich auch eine sehr bereichernde Erfahrung für O-Sensei, und auch Herr Hioki war bestrebt, aus dem Zusammentreffen mit O-Sensei etwas Spezielles zu lernen. Er war eben ein Mensch mit einer hervorragenden, ausgezeichneten Persönlichkeit.

Nach dem nächsten Morgentraining meinte O-Sensei, als hätte er das Ereignis des vorherigen Tages vergessen: “Shimizu, kannst Du nicht etwas Brot besorgen (O-Sensei liebte süßes Brot)“, und ich erhielt einige Münzen in die Hand gedrückt. Er ignorierte die Leute im Büro, die meinten: „Was ist denn zwischen den beiden vorgefallen?“ und unterhielt sich mit mir in einer sonnigen Ecke des Dojos, während wir zu zweit das Brot verzehrten. Ich erinnere mich gut daran, daß ich sehr froh war, weil O-Sensei wohl wegen der Ereignisse am Tag zuvor um mich besorgt war.

Diese Begebenheit fand nun schon vor einem halben Jahrhundert statt, aber wenn ich darauf zurückblicke, vergegenwärtige ich mir wieder die ausgezeichnete Persönlichkeit von O-Sensei.

© übersetzt von Ichiro Murata und Peter Nawrot 07/ 2009