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Fortschritt im Aikido

Kawaraban Nr. 65

01/2006

vom Leiter des Tendokan, Kenji Shimizu

Training bedeutet ‚shugyo’ (= Ausbildung, Übung). Und das tun wir, um unser eigenes Selbst zu verbessern. In der arbeitsfreien Zeit gehen wir ins Dojo. Man kann meinen, daß das so ganz normal ist, aber in Europa gibt es viele Menschen, die darüber hinausgehen. Die Arbeit dient dem Lebensunterhalt, aber es gibt nicht wenige Schüler, die sich sehr genau darüber im Klaren sind, was im Leben wichtig ist, und die Aikido kontinuierlich betreiben. Mein Schüler Eckhardt Hemkemeier, der Ende letzten Jahres aus Deutschland kam, ist auch einer von ihnen.

Er arbeitet als erster Kontrabass-Spieler im Radiosinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks, das eines der drei großen deutschen Orchester ist, und reist im Rahmen von Konzerten um die Welt. Andererseits leitet er im Rahmen seiner Tätigkeit in der Führungsebene des Deutschen Tendoryu sein eigenes Dojo ‚Seishinkan’, und er hat mehr als 100 Schüler. Er, der als erstklassiger Musiker ausgezeichnete Arbeit leistet, antwortet mir, daß ihm Aikido mehr als die Arbeit bedeutet. Bei dem aktuellen Besuch im Tendokan war er zehn Tage hier und konnte beim morgendlichen und abendlichen Training nur zuschauen, da sein Knie, daß er sich bei einem Autounfall verletzt hatte, noch nicht komplett geheilt ist. Gewöhnliche Menschen wären sicherlich bereits viel früher, nachdem die Arbeit beendet ist, nach Hause zurückgekehrt.

Ich erkläre im Aikido das Gefühl, daß man den Gegner im großen Maßstab ‚einatmet’ oder ‚aufnimmt’. Aber allein durch das wiederholte Training entsteht eine derartige Bewegung nicht so leicht. Unerläßlich ist das menschliche Wachsen der Persönlichkeit im Alltag. Was die Herausbildung von Mut und Bereitschaft betrifft, die zur Basis für lebendige Techniken werden, so ist es vergeblich, alltägliche Dinge nur einfach zu wiederholen. An dieser Stelle kann man die Frage nach der Einstellung zum Training stellen.

Seit einiger Zeit stelle ich häufig Ansprüche an die langjährigen hohen Danträger. Menschen, die sich viel auf sich selbst einbilden, gibt es nicht, und ich wünsche mir, daß die Würde langjährigen Aikido-Trainings mehr nach außen getragen wird. Es ist nicht die Kraft oder die Technik, sondern es ist der wahre Senpai (= älteres Vorbild), der durch seine menschliche Faszination die Sehnsüchte der jungen Generation erfüllen kann.

Wir sollten uns das Lebensgefühl des verstorbenen Sensei Shigeo Kamata (emeritierter Professor an der Universität Tokyo für die Lehre vom Buddhismus) ins Gedächnis rufen. Trotz seiner aufreibenden Arbeit kam er zum Training, und ich erinnere mich voller Freude, wie er die jungen Leute gelegentlich streng, gelegentlich sanft führte. Im Dojo zeigte er immer ein gelassenes Selbst und bildete sich wohl unermüdlich fort.

Ich wünsche mir, daß alle Menschen ein noch besseres Leben führen. Das lernen wir durch Aikido. Ein besonderer Erfolg des Trainings ist, daß wir durch langjähriges Aikido wirklich zu uns selbst finden können.

Und ich wünsche Ihnen, daß Ihr Selbst Schritt für Schritt Fortschritte macht.

© übersetzt von Ichiro Murata und Peter Nawrot 02/2006