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In einer apathischen Welt

Kawaraban Nr. 31

07/1997

von Kenji Shimizu

Folgendes fand vor einigen Jahren statt. Als ich mit einem Dōjōbesucher aus Deutschland auf dem Gehweg parallel der Bundesstrassentrasse 246 entlangging, kamen ununterbrochen Fahrräder vorbei. Von vorne wie von hinten. Wenn man auf die von vorne kommenden Räder noch entsprechend reagieren konnte, wurde man doch von den von hinten energisch heranfahrenden Rädern überrascht. Jener Deutsche meinte scherzhaft: „ In Japan ist es wohl für Fussgänger ohne Autorückspiegel gefährlich“. Etwas betroffen konnte ich diese Bemerkung nicht einfach als Scherz abtun.

Hinzu kommt die Katastrophe mit den Fahrradabstellplätzen, ein unhaltbarer Zustand schon seit vielen Jahren. Und was unternehmen die japanische Verwaltung und die Behörden? Wofür sind diese Ämter eigentlich zuständig? überlegte ich. Doch halt, auch unter den Fahrradfahrern gibt es einige, deren Unsensibilität ein Extrem erreicht hat. Dieses selbstsüchtige Denken bringt, glaube ich, viele Schwierigkeiten mit sich. Und ich kann nicht umhin zu überlegen, wie sich unser Land in Zukunft entwickeln mag.

Heutzutage wachsen viele Kinder mit einer Erziehung auf, die hauptsächlich nur den Kopf trainiert. Ihnen fehlt das körperliche Gleichgewicht. Wir tendieren dazu, unsensible Kinder heranzuziehen, deren Körper sich selbstsüchtig verhalten.

Vor langer Zeit wurden Körper, Geist und Manieren in der Kriegskunst, die sowohl aus militärischen wie scholastischen Künsten bestand, geübt. Jetzt überfluten uns Informationen aus Fernsehen und Magazinen, und wir bewegen uns auf ein Zeitalter zu, in dem wir mit dem Kopf Entscheidungen treffen nur auf Grund von hauptsächlich durch Augen und Ohren aufgenommenen Informationen. Es ist eine gefühllose Welt.

Aber weil unser gesamter Körper von Nerven umspannt wird – die Nervenleitungen reichen bis zu den äussersten Körperstellen – sind für Interaktionen mit der Aussenwelt vielfältige Aktivitäten von seiten des gesamten Körpers notwendig. Zum Beispiel beim Erleben der Natur, beim Sport und bei zwischenmenschlichen Kontakten. Nicht nur am Wissen haften, sondern vielmehr Dinge wie die Wahrheit, den guten Willen, das ästhetische Empfinden zu erfühlen, sind Eigenschaften, die ich vermitteln möchte.

Nun, ich habe vor ein paar Tagen die Seminare in Deutschland beendet und bin zurückgekehrt (die Zeitverschiebung ist noch spürbar). Dieses Mal kamen Leute aus neun verschiedenen Ländern zusammen, die sich anstrengten und intensiv trainierten. Der Lehrgangsort Herzogenhorn, in der Nähe der französisch-schweizerischen Grenze, liegt landschaftlich wirklich wunderschön. Ich war überrascht, dass mehr als zehn Teilnehmer zeitlich gesehen sogar eine noch weitere Anreise hatten als ich, der ja aus Japan kam. Diese Leute aus dem fernen Ausland wollten durch das Aikidōtraining die Seele der japanischen Kultur und die Natur des Geistes studieren. Sie haben sich intensiv bemüht, sich weiterzubilden. Deshalb glaube ich, dass wir Japaner uns wegen unseres Verhaltens nicht schämen müssen. Die Gelegenheit, jedes Jahr wertvolle in- und ausländische Freunde treffen zu können, ist ein Grund, warum ich nicht aufhöre, dieses Budō ( Aikidō ) uneingeschränkt zu lieben.

© übersetzt von Birgit Lauenstein und Peter Nawrot 01/2003