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Jugendlichkeit trainieren

Kawaraban Nr. 10

04/1992

von Kenji Shimizu

Neulich erschien in einem Magazin ein Artikel darüber, dass Menschen drei Arten von Alter besitzen.

Auch ich habe bereits über dieselbe Sache nachgedacht und den Artikel mit grossem Interesse gelesen. Mit diesen Arten von Alter ist das registrierte Alter, das geistige Alter und das körperliche Alter gemeint.  Das registrierte Alter ist unveränderbar, aber geistiges und körperliches Alter können abhängig von den Bemühungen verändert werden, und es kann zwischen diesen beiden Altersarten und dem registrierten Alter eine Differenz von plus/minus 8 Jahren entstehen.

Deshalb kann sich im Fall von zwei Menschen mit dem gleichen registrierten Alter eine Differenz von maximal 16 Jahren ergeben. Und in der Tat lässt sich dieselbe Erfahrung häufig auch im täglichen Leben machen. Es gibt Menschen, deren Gesicht (äussere Erscheinung) sehr jugendlich aussieht, aber deren Körperkraft geringer ist, als es dem registrierten Alter entsprechen würde, wie es auch die umgekehrten Fälle gibt. Die Menschen entsprechen nicht unbedigt ihrem Aussehen. Wie dem auch sei, es wird im allgemeinen als besser angesehen, wenn das körperliche Alter geringer ist als das registrierte Alter. Jeder hat das Verlangen, die Jugendlichkeit zu bewahren, was aber recht schwierig ist.

Ausserdem wurde auch folgendes in einem Magazin berichtet. Ein über 80 jähriger reicher alter Mann in gesellschaftlich angesehener Position würde sein Geld und seine Position aufgeben und würde auch wieder von vorne anfangen, wenn er sich 20-30 Jahre jünger fühlen könnte. Er sprach darüber, dass es sich wünscht, noch einmal jung zu sein. Hier erhalten wir einen Blick in die Tiefen des menschlichen Herzens, aber letztendlich ist es ein unerreichbarer Traum.

Verflossene Monate und Jahre zurückzuholen, ist genauso unmöglich, wie die Zeit zurückzudrehen; das registrierte Alter können wir nicht verändern, aber es gibt die Möglichkeit, das körperliche Alter in Abhängigkeit von den Bemühungen zurückzusetzen.

Ich denke, es besteht keine Notwendigkeit, das geistige Alter gewaltsam zurückzusetzen. `Die geistige Fülle` ist im Leben unverzichtbar, und sie ist ein wichtiger Schlüssel für das Zurücksetzen des körperlichen Alters.

Beim Streben nach Vervollkommnung des Geistes ist es so, als ob etwas übersprudeln würde, und dabei zeigt sich ‚kihaku’ (Lebenskraft, Energie) . Genau hier entscheidet sich der wahre Wert eines Menschen, und zwar ob er `Ki` , das er nutzen kann, besitzt oder nicht.

Bei der Entwicklung dieses `Ki` erweist sich Aikido als überaus effektiv. Es gibt im Aikido kein bestimmtes Alter, mit dem man anfangen muss. Natürlich gibt es nichts besseres, als in jungen Jahren anzufangen, doch es ist ganz natürlich, dass die Lebensweise eines jeden einzelnen Menschen unterschiedlich ist. Allerdings gibt es entgegen aller Erwartung viele Menschen mittleren Alters, die sich dem `Mangel an Ki` bewusst werden.

Auch wenn man sich dessen bewusst ist und nach irgendetwas sucht, wird man nicht leicht etwas finden. Wenn man nur etwas zum Spass sucht, findet sich alles mögliche auf der Welt. Aber es stellt einen nicht zufrieden.

Die Vervollkommnung des Ki ist unabhängig vom Alter. Diesen Punkt trifft folgender Spruch aus dem `Genshi Shiroku` (4 Essays über die Sprache und Willenskraft), der häufig in den Reden eines verdienten Schülers unseres Dojos, des eremitierten Professors der Tokyo-Universität, Kamata Shigeo, vorkommt:

„Diejenigen, die in ihrer Jugend lernen, werden etwas erreichen.

Diejenigen, die als Erwachsene lernen, werden ihre Vitalität bis ins hohe Alter bewahren.

Diejenigen, die im Alter lernen, werden nicht vergehen.“

Das heisst, man darf nicht aufhören zu studieren oder anderes zu tun, nur weil man alt ist. Alles hat einen Anfang, man macht zuerst einen Schritt, und es ist  unbedingt notwendig, weiter kontinuierlich voranzuschreiten.

Bis zum Beginn der Showa-Periode florierte das Budo; heutzutage jedoch führt es ein erbärmliches Dasein. Ein Grund dafür, dass sich das Budo zu seltsamen Formen verbogen hat, liegt auch in der grossen Veränderung der Gemütsverfassung der Japaner.

Aikido ist im Ausland populär geworden, und möglicherweise haben die Ausländer heutzutage ein gutes Verständnis von der wahren Natur des Budo. Ich denke, wir sollten uns nicht von der Freude treiben lassen, eine Wirtschaftsgrossmacht zu sein. Wir sollten unseren eigenen Körper und Geist trainieren, um zu einer menschlichen Grossmacht zu werden, in der jeder ein erfülltes geistiges Leben, sprudelnd voller Jugendlichkeit, lebt.

© übersetzt von Birgit Lauenstein und Peter Nawrot 10/2004