Skip navigation

Memoiren - Das 40-jährige Jubiläum (2)

Kawaraban Nr. 80

02/2010

vom Leiter des Tendokan, Kenji Shimizu

„Was machst du denn! So kann das gar nicht funktionieren!“

Ich berichte Ihnen aus meiner Uchi-Deshi Zeit. Wenn ich nach dem regulären Training im Privatunterricht meinem Partner (Watanabe Yaeji, derzeit Rechtsanwalt) gegenüberstand, erschallte laut eine heisere Stimme mit dialektischem Akzent von jemandem, von dem ich nicht wußte, wie er hereingekommen war. Herr Watanabe war eine Persönlichkeit, deren Wichtigkeit mir vom Dojo Leiter besonders ans Herz gelegt worden war.

Wenn ich zurückblicke, sehe ich einen älteren Herren in guter physischer Verfassung, der mich lächelnd mit den Worten „Entschuldigen Sie die Störung!“ begrüßte. Ich wußte sofort, daß ich vorsichtig sein mußte, und Watanabe unterbrach das Training.

„Ich habe diesen Herren eingeladen.”

Der bezeichnete Mann stellte sich selbst mit „Ich heiße Sahashi” vor und trat sofort ein. An jenem besonderen Tag hatte ich Herrn Watanabe unterrichtet.

Zu jener Zeit war Herr Sahashi (Shigeru Sahashi, 1913-1993) kurz zuvor von seinem Amt als Vize-Präsident des MITI (Ministerium für Internationalen Handel und Industrie) zurückgetreten, und Herr Watanabe war als der Leiter der Handelsabteilung im gleichen Ministerium tätig.

Dennoch brüllt normalerweise jemand, der sich zum ersten Mal den Unterricht ansehen will, nicht die im Dojo trainierenden Personen derartig an. Das geht eigentlich gar nicht.

Herr Watanabe war ein sehr ruhiger Gentleman, Herr Sahashi dagegen vermittelte anfangs den Eindruck eines eigensinnigen alten Herrn, und erst später verstand ich, wie anders sein Charakter doch war. Herr Sahashi hatte einen scharfen, flexiblen Verstand und war ausgesprochen freundlich.

Kürzlich wurde der Fernsehfilm „Kanryotachi no natsu (deutsche Übersetzung: ‚Der Sommer der Regierungsbeamten’) gesendet, der den Originalroman von Saburo Shiroyama (japanischer Autor, 1927-2007) verfilmte, und Shigeru Sahashi diente als Modell für diesen Roman. Sahasi war berühmt dafür, daß er ein außergewöhnlicher Staatsbeamter war und daß er für sich das System des ‚Amakudan’ (Anm. des Übersetzers: wörtlich ‚die vom Himmel Herabgestiegenen’, das bedeutet, daß hohe Mitarbeiter japanischer Ministerien nach ihrer Pensionierung in einflußreiche, gutdotierte Positionen in Industrie und Wirtschaft wechseln) ablehnte.

Auch im Training zeigte Herr Sahashi außergewöhnliche Reaktionsfähigkeiten und beeindruckende Intuition. Nun habe ich Herrn Sahashi, wenn ich das Training leitete, heftig geworfen und dann und wann leistete er bei den Übungen Widerstand gegen meine Techniken, und manchmal gingen wir bis an unsere Grenzen. Er wollte wohl mein Können testen, und ich ließ das gelegentlich zu. Der Altersunterschied war so groß wie bei Vater und Sohn, aber ich erinnere mich, daß ich ihn manchmal etwas heftiger geworfen habe, um mich selber zu trainieren.

Herrn Sahashi hat das gefreut.

Danach lud mich Herr Sahashi oft mit den Worten “Komm’ doch in Deiner Freizeit zur Abwechslung im Büro vorbei“, und ich verbrachte meine Freizeit bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Büro des Sahashi Wirtschaftsforschungsinstitutes in Roppongi (Tokyo). Es gab dort eine Sekretärin namens Frau Murakami, die mich mit sehr freundlichen Gefühlen empfing. Auch Herr Sahashi empfing mich zu jeder Zeit sehr freundlich und herzlich, und die Besuche im Büro waren mir eine große Freude. Zum Mittagessen lud mich Herr Sahashi ein, er wählte meist Soba (japanische Nudeln), und ich speiste Katsudon (paniertes Schweineschnitzel auf Reis).

Ich konnte mit Herrn Sahashi immer unbefangen die verschiedensten Gespräche führen, und einmal sprach ich mit ihm über meine eigenen Schwächen: „In der Tat, wenn ich mit meinem Partner nicht gut zusammenarbeite, mache ich ihn mir dann nicht zum Feind? “. Darauf erhielt ich von Herrn Sahashi die Antwort: „Es ist falsch, es nicht zu wagen, sich jemandem entgegenzustellen. Und selbst, wenn man einen Feind hat, hat das nicht nur eine negative sondern auch eine positive Bedeutung, was die Sache interessant für das Leben macht.“

Diese Worte haben mich in meinem Leben in intensiver Weise zum Nachdenken veranlasst.

(wird in der nächsten Ausgabe fortgesetzt)

Von den Herausgebern des Kawaraban:

Über das innige Verhältnis von Shimizu Sensei und Herrn Shigeru Sahashi erschienen in 1969 (Showa 44) in der Maiausgabe der ‚Bungei-Shunju’ (eine bekannte japanische Zeitschrift) die folgenden zitierten Worte:

„Sahashi lernte Aikido bei dem 5. Dan Shimizu, der ein Absolvent der Meiji Universität ist, und Sahashi bewunderte die Klarheit von Shimizus Augen – (hier wurde ein Teil ausgelassen) – und seine Begeisterung war so groß, daß er Shimizu eine Stelle im Sahashi Forschungsinstitut anbieten wollte.“

Dieser Paragraph stammt aus der Lebensbeschreibung ‚Sahashi Shigeru – Amakudaranu Koukyukanryo’ (deutscher Titel: ‚Sahashi Shigeru – ein hoher Regierungsbeamter, der Amakudari ablehnte’), die von Kusanayagi Daizo (1924 – 2002, Non-Fiktion Autor, Journalist) verfasst wurde.

© übersetzt von Ichiro Murata und Peter Nawrot 03/2010