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O-Senseis Worte

Kawaraban Nr. 60 & 61

01/2005

von Kenji Shimizu

Alles Gute zum neuen Jahr. Ich wünsche, daß dieses Jahr ein friedvolles Jahr wird.

Besonders im vergangenen Jahr gab es etliche Katastrophen wie Erdbeben, Taifune usw.. Es ist als, ob die Welt überall durcheinandergeraten wäre.

Mehr als 40 Jahre ist es schon her, doch werden die Worte „Die Erde muß gereinigt werden, Shimizu!“, die O-Sensei (der Begründer des Aikido) zu mir gesagt hatte wieder deutlich lebendig. Wenn ich auf meine Uchideshi Zeit zurückblicke, kann ich mich an viele Worte des Begründers erinnern. Häufig waren in den Reden des Begründers ungeheuer gewaltige Ausdrücke enthalten. Es waren Worte über das Verhältnis eines Selbst zur Natur, zur Erde und zum Universum. Ich möchte nun für diejenigen, die sie noch nicht kennen, 2-3 Episoden berichten.

Ueshiba Morihei (1883-1969) wurde in Tanabe in der Nähe von Shirahama Onsen in Wakayama-ken geboren. Zu Kano Jigoro, dem Begründers des Judo (1860-1938), den man als eine andere Persönlichkeit bezeichnen kann, bestand ein Altersunterschied von mehr als 20 Jahren. Als Kano einmal eine Demonstration von Morihei sah, lobte er sie, und es kam aus ihm heraus:“ Genau das entspricht meinem Budoideal“. Auf der Stelle hat er Morihei seine besten Schüler, die damals im Kodokan als ‚Die großen Vier’ bekannt waren, unter großen Kosten anvertraut. Ist nicht auch hieran zu sehen, was für ein großer Budoka Morihei war? Gleichzeitig ist die Größe von Kanos Persönlichkeit zu bewundern. Es ist wohl richtig, wenn man den Begründer als Asket und Kano als Pädagogen versteht.  Der Begründer war auch Schintoist, und es wird berichtet, daß seine Fähigkeit, den Menschen ins Herz zu sehen, gewaltig war. Ich schweife nun etwas vom Thema ab, aber die beiden Lehrer Mochizuki Minoru und Sugino Yoshio (beide verstorben), die zu den ‚Großen Vier’ gehörten, hatten mir oft die Gelegenheit gewährt, mich genauestens nach dem damaligen Stand der Dinge zu erkundigen. Und nicht nur das, sie haben mich auch unterrichtet. Dieses betrachte ich heute als unglaublich wertvollen Schatz.

Es folgt eine Anekdote aus den Vorkriegstagen zum Thema  Umgangsformen. Zum Begründer, der mit dem Judo-Ausbilder der Polizeizentrale plauderte, der das Dojo besuchte, kam ein Schüler, um mitzuteilen, daß Konoe Fumimaro (der spätere Premierminister) das Training beendet hätte und nun auf dem Weg nach Hause wäre. Der Begründer sagte bloß: „Richte ihm bitte meine Grüße aus“ und nahm das Gespräch mit dem Ausbilder wieder auf, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, seinen Platz zu verlassen. Der Schüler vergewisserte sich und fragte noch einmal: „Es handelt sich um seine Exzellenz Konoe, wie sieht es mit der Verabschiedung aus ...?“ und soll als Antwort erhalten haben: „Seine Exzellenz ist unser Schüler. Der Herr, der vor mir sitzt, ist unser Gast“.

Das ständige Dienen in der Nähe des Begründers gehörte zur wichtigsten Aufgabe der Uchideshi-Ausbildung, aber darüber hinaus gab es in meinem Fall besonders in den ersten drei Jahren ein sehr intensivesTraining. In dieser Zeit gab es wirklich bloß Schockierendes. Diese Geschichte geht über die gemeinsame Fahrt zum Iwama Schinto-Schrein in Ibaraki-ken. Beim Umsteigen auf dem Bahnhof Ueno mußte man erhebliche Wegstrecken laufen, und zudem stand die Abfahrt des Zuges kurz bevor. Wir mußten uns beeilen. Doch ich trug in beiden Händen die Koffer für zwei Leute sowie Bokken und Jo’s. Ich versuchte mein Bestes und folgte verzweifelt dem Begründer so gut es ging auf dem total überfüllten Gelände. Wenn ich nur einmal nach Luft geschluckt hätte, wäre der Begründer verschwunden gewesen. Es handelte sich nicht nur darum, einer vorauseilenden Person nachzufolgen, sondern wir stürzten uns entgegen dem Strom der Menschen nach vorne. Es öffnete sich eine nicht vorhandene Gasse, weil alle von der mit bestimmter Würde erfüllten Gestalt von O-Sensei, der direkt auf sie zukam, überwältigt wurden. „Ich war total aus der Fassung und begeistert.“

Und da war auch noch das. Ich war noch nicht einmal zwei, drei Wochen Uchideshi, da betrat O-Sensei das Büro im Dojo und stieß plötzlich einen Schrei aus „Guaaaaah!“ und ging. Es war, als ob sich Himmel und Erde geöffnet hätten. Dieser Ausdruck ist bestimmt nicht übertrieben. Direkt vor einem schien ein Donner zu erschallen, und die gut 10 Uchideshi, die anwesend waren, darunter sein Sohn Kisshomaru, wollten ihre Stimme erheben, doch waren sie bloß sprachlos und wie gelähmt. Ich erinnere mich, daß ich derart verblüfft war, daß mir mir Gedanken wie  „Ist O-Sensei wirklich ein Mensch?“ durch den Kopf schossen. Wir saßen sprachlos im Büro, und als ob nicht gewesen wäre kehrte O-Sensei nach 15 Minuten zurück und sagte mit ruhiger, wieder normaler Stimme : „Nun, vorhin war ich über die Götter erzürnt“. Später hörte ich, daß derartige Temperamentausbrüche von O-Sensei 1-2 mal im Jahr passierten.

Ich verstehe nicht, was O-Sensei hat so reagieren lassen, aber es wird sich wohl etwas Unerfreuliches angehäuft haben. Auch wenn ich bis jetzt laute Stimmen und das Kiai vieler Menschen vernommen habe, gab es nichts Vergleichbares, was die Menschen in der Umgebung im selben Moment zur Salzsäule erstarren lassen hätte. Ich bin sicher, daß im Falle eines Zweikampfes der Gegner allein dadurch zur Aufgabe gezwungen worden wäre. Jetzt bin ich dankbar dafür, die Gelegenheit gehabt zu haben, O-Senseis Temperament zu erleben. O-Senseis Worte waren unglaublich umfassend, so wie „Wir müssen die Erde reinigen“ oder „Laßt uns die Techniken mit dem Gefühl, die Erde hochzuheben, ausführen“. Bei diesen seinen Beispielen waren nicht Menschen die Gegenspieler.

In Anleihe an O-Senseis Worte würde er wohl sagen: „Das Zufügen einer Naturkatastrophe nach der anderen ist ein Zeichen der erzürnten Erdgötter an die Menschen, die die Grenzen der technologischen Zivilisation nicht begreifen.“.

Schon vor einem halben Jahrhundert haben die Alarmglocken, daß wir uns auf die Menschlichkeit besinnen sollten, geklingelt.

© übersetzt von Birgit Lauenstein und Peter Nawrot 03/2005