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Sonderbeitrag der Neujahrsausgabe 2000

Kawaraban Nr. 41

10/2000

Interview mit Shimizu Sensei

‚Wir fragen nach den Aussichten für Tendōryu-Aikidō im Hinblick auf das 21. Jahrhundert und international gesehen’

Als Sonderbeitrag der Januar-Neujahrsausgabe der ‚Tendō Kawaraban’ fragten wir den Leiter Shimizu Kenji Sensei u.a. über die Aussichten des Tendōryu-Aikidō. Er ist im Jahr des Drachens geboren, und in diesem Jahr 2000, das ein Jahr des Drachens und ein Jahr des Sprungs nach vorne ist, da er vollständig von seiner beidseitigen Knieoperation wieder genesen ist, teilte er uns offen seine Gedanken mit. (die Redaktion)

Die Operation beider Knie (eine Folge der Judō-Aktivitäten als Student), die Sie über zwei Jahre beschäftigte, war ein Erfolg, und im Dezember letzten Jahres haben Sie das Training wieder aufgenommen.

Shimizu Sensei: Das rechte Knie wurde im vorletzten und das linke Knie im letzten Jahr operiert. Normalerweise liegen mindestens zwei Jahre dazwischen, wenn man auch sein zweites Knie operieren lässt. Ich hatte mich genau ein Jahr später der Operation unterzogen. Und der behandelnde Arzt hatte mich damals umgekehrt gefragt: „Ist das wirklich in Ordnung?“. Heute nun ist alles bestens, und auch die Kreuzbänder haben viel weniger geschmerzt als gedacht. Nur die Muskeln sind etwas verspannt, und mit etwas Ruhe werden sie wieder zum Normalzustand zurückfinden, es ist bloss eine Frage der Zeit; Sorgen muss ich mir, glaube ich, keine machen. Und ich bin daher der Überzeugung, dass die Entscheidung für die Operation richtig war.

Dieses Jahr in dem Ihre beiden Knie vollständig wiederhergestellt sind, soll auch ein Jahr der grossen Wendewerden; wie sieht es mit der in- und ausländischen Entwicklung des Tendōryu-Aikidō aus?

Shimizu Sensei: Was zunächst das Inland betrifft, macht sich Tomita Hirofumi (41 Jahre, 5. Dan) aus der Gruppe der Trainer, der etwas mehr als 20 Jahre unter meiner Leitung trainiert hat, selbständig. Aus dem ernsthaften Wunsch heraus, mein Aikidō gut einzusetzen, wird er ab April in seiner Heimatstadt Wakayama - die übrigens auch die Geburtsstadt von O-Sensei (dem verehrten Ueshiba Morihei, Begründer des Aikidō) ist - zu unterrichten beginnen . Da er voller Tatendrang steckt, möchte ich ihn, wo immer ich kann, unterstützen.

Mir liegt nicht so sehr an der Verbreitung des Tendōryu-Aikidō als vielmehr daran, das wahre Aikidō zu hinterlassen.

Was weiterhin das Ausland betrifft, erreichte mich aus Amsterdam/Holland die Anfrage bezüglich der Eröffnung einer ‚Tendōryu-Aikidō Schule’ (temporärer Name). Das ist eine Information von Tere M.A.C Panakka, der der Verantwortliche für die Gesamtübersetzung der ‚Kaidō o yuku (entlang der Autostrasse)’ -Europakompilation des verstorbenen Shima Ryōtarō ist. Es handelt sich hierbei um die Absicht, in Form einer Berufsschule das Interesse der Europäer an Tendōryu-Aikidō anzusprechen. Und er erzählte mir, dass Aikidō sowohl für die Arbeit wie für das Alltagsleben äusserst nützlich ist. Konkrete Informationen folgen später, doch ich glaube, dass der Zeitpunkt gut ist, da ich erfahren habe, dass dieses Jahr auch das 400-jährige Jubiläum des Bestehens der Japanisch-Holländischen Freundschaft ist.

Nun jedenfalls will ich allmählich ernsthaft werden und meine Begeisterung zeigen, jetzt wo ich ich die zweite Hälfte meines Lebens erklommen habe. Ich möchte mich noch mehr auf die Verbreitung im Ausland, dort wo mein Aikido eine Rolle spielt, konzentrieren, und es tut mir leid, dass ich ich Ihnen allen von meinem Heimatdōjō während der Zeit, die ich nicht in Japan bin, Unannehmlichkeiten bereite..

Wegen der Knieoperationen habe ich mich über drei Jahre im Hintergrund gehalten, aber jetzt will ich dieses als Sprungbrett benutzen.

choku
‚choku’ von Shimizu Sensei (choku, chiki, jika = ehrlich, aufrichtig)

Zu Ihren Seminaren in Deutschland versammeln sich abgesehen natürlich von den deutschen Teilnehmern Studenten aus Frankreich, Belgien, Holland, Slowenien, Amerika, Mexiko und anderen. Was denken Sie, was diese Menschen im Aikidō finden wollen?

Shimizu Sensei : Sie suchen den Geist der früheren Japaner, nicht den Geist der heutigen Japaner. Es wird berichtet, dass die Japaner sich früher mit ihrer beeindruckenden Haltung beim Kontakt mit den Menschen aus dem Westen behaupten konnten, obwohl sie körperlich klein waren. Man könnte vielleicht sagen, dass sie sich zum Wohl der Allgemeinheit geopfert haben. Yoshida Shōin zum Beispiel war genauso ein Mensch, der darüber hinaus Ideale und Mut in sich vereinigt haben soll. Ursprünglich besassen die Japaner einen derartigen Mut und eine derartige Bereitschaft, vertraten Ideale und waren beeindruckend, nicht wahr. Die Ausländer, die über diese Dinge unter anderem in Büchern gelesen haben, zeigen grosses Interesse an Aikidō, einer der traditionellen japanischen Budōkünste, weil sie mit diesem Geist in Berührung kommen wollen.

Auch diesen Sommer halte ich wieder ein Seminar, darüber hinaus habe ich aus sechs deutschen Orten Einladungen für Seminare im Herbst erhalten. Weil ich in diesen drei Jahren nur einmal pro Jahr in Europa unterrichtet habe, beabsichtige ich, ab diesem Jahr etwas mehr zu tun.

Es gibt im heutigen Japan noch immer das starke Gefühl, dass die Wirtschaft Priorität besitzt, aber spricht man in Europa nicht schon vom Zeitalter des Geistes? Das nichtmaterielle Zeitalter hat dort nämlich schon begonnen. Wenn Japan das Verlangen hat, ein wirkliches Mitglied der entwickelten Staaten zu werden, müssen wir uns ins Zeitalter des Geistes begeben, sonst kommen wir zu spät.

Als ich kürzlich mit Kamata Shigeo Sensei (eremitierter Professor der Universität Tōkyō, Gelehrter für Buddhismus) sprach, sagte er mir das Folgende, über das ich mich sehr gefreut hatte: „Ich bin davon überzeugt, dass von nun an Berufe wie Ihrer, Herr Shimizu, wegweisend sind.“

Ich besitze nicht solch eine starke Kraft, doch will ich mich bei allem, was mit Aikidō zusammenhängt, mit aller Kraft engagieren.

Sie wirken durch und durch vital und nicht wie nach einer Operation, wie fühlen Sie sich?

Shimizu Sensei: Der ehrenwerte Ueshiba Morihei hatte immer betont: „Solange ein Mensch nicht das 60. Lebensjahr erreicht hat, zeigt sich nicht die wahre Ki-Kraft.“ Das mag er vielleicht auch zu sich selbst gesagt haben, und jetzt wo ich dieses Alter erreicht habe, spüre ich sehr stark, dass mein bisheriges Leben die Wurzel bildet und ich jetzt die Früchte ernten kann. Es ist an der Zeit, die bisherigen verschiedensten Erfahrungen einzusetzen. Jetzt wo Körper, Geist und Verstand zu einer Einheit geworden sind, erkenne ich, dass es möglich ist, die geistige Kraft zu vervollständigen.

Und gibt es nicht auch den Spruch „Persönliche Erfahrung übertrifft ein Studium“? Ich erkenne nun ganz klar, dass ich tatsächlich von den langen Jahren der persönlichen Erfahrung beim Unterrichten und anderen Dingen in Europa Gebrauch mache. Wie sehr andere Menschen sich auch mit Wissen wappnen, so wird gesagt, dass allein damit kein wirkliches Selbstvertrauen entstehen kann, und das trifft meines Erachtens genau den Punkt.

Ich glaube auch, dass diese Worte für die Schüler, die sich im Training abmühen, von Bedeutung sind....

Shimizu Sensei : In Sachen des Trainings darf man nie ungeduldig sein. Auch wenn man mit dem Kopf versteht, was im Tendōkan Dōjō aushängt, „Ohne Eile, ohne zu ermüden – zuerst einen Schritt und dann wieder einen Schritt – die Stärke liegt in der Kontinuität“, gibt es doch einige, die sagen: „Ich mag Aikidō, aber das Training mag ich nicht.“ Strenge Dinge kann niemand leiden, doch wenn man diese strengen Dinge erträgt, wird Weitermachen zu Stärke. Sogar die Menschen, die selbst ihren Monatsbeitrag bezahlen und aus freiem Willen zum Training kommen, laufen Gefahr irgendwann der Routine zu verfallen.

So wie es hier heisst „Wir dürfen den Geist des Anfängers nicht verlieren, wir müssen vor dem Geist des Anfängers Respekt behalten“, werden wir immer wieder herausgefordert werden und müssen uns zuerst selbst überwinden.

Wenn wir erkennen „Warum nur existiert derartige Habgier, warum sind wir so angespannt? Können wir uns nicht natürlich verhalten, indem wir die Kraft aus den Schultern nehmen, die Handgelenke lockern und die Hände öffnen?“, haben wir einen Fortschritt erzielt. Deshalb möchte ich, dass immer mit dem Gefühl, dem Ich nicht nachzugeben, trainiert wird.

Auch Ghandi hat gesagt: „Kraft entsteht nicht aus körperlichen Fähigkeiten. Sie entsteht aus einem unbeugsamen Willen.“

Könnten Sie uns zum Schluss noch ein Wort zu Ihrer Gemütsverfassung sagen ?

Shimizu Sensei : Was mir dabei intuitiv durch den Kopf schiesst, ist das Zeichen ‚choku’ (ehrlich, offen, aufrichtig, anspruchslos,) aus dem Wort ‚sunao’ (offen, ungekünstelt, unbeeinflusst). Wir hatten vorher darüber gesprochen, warum die Ausländer etwas über die Seele Japans lernen wollen. Nun, ich glaube, das entsteht aus dieser Offenheit ( sunaosa ).

Auch im Aikidō gibt es keinen Fortschritt, wenn wir nicht offen sind. Offen zu sein, heisst wie zu einem Stück weissem Papier zu werden. Auf weisses, unbeschriebenes Papier kann man alles schreiben. Wenn wir unsere Seele wie unbeschriebenes Papier halten, wird es die Menschen erfreuen. Das ist die Stärke der Natürlichkeit. Ich glaube, dass man Fortschritte macht, wenn man die eigene Offenheit als wertvoll erachtet.

© übersetzt von Birgit Lauenstein und Peter Nawrot 12/2003