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Training an jedem Ort

Kawaraban Nr. 63

09/2005

vom Leiter des Tendokan, Shimizu Kenji

Im Aikido ist nicht nur das Dojo der Trainingsort. In jeder Situation des täglichen Lebens kann die Stärkung des Ki trainiert werden. Die folgende Geschichte ereignete sich in einem bestimmten Dutyfree Laden auf einem europäischen Flughafen. Als ich mich an der überfüllten Kasse in der Warteschlange aufgestellt hatte, drängelte sich ein Mann vor mir wie zufällig in die Reihe. Er tat so, als ob es ihm nicht auffiele, und kam plötzlich von der Seite herein. Das konnte man noch weniger durchgehen lassen. Spontan klopfte ich ihm von hinten auf die Schulter und sagte auf Japanisch: „Wir stehen hier alle in einer Reihe an!“, worauf er sich eilig hinten anstellte. Er war sich nicht nur seines schlechten Verhaltens bewußt, sondern außerdem wäre er, wenn nichts geschehen wäre, einfach mit unschuldiger Miene durchgekommen. Ich bin ein Asiate, und vielleicht schien ich für ihn das Bild eines demütigen Japaners widerzuspiegeln.

Das ist nur ein unbedeutender Vorfall, aber es ist unbedingt notwendig, sofort auf ein derartiges Verhalten zu reagieren, und damit bietet sich eine gute Gelegenheit, Ki auszustrahlen.

Manchmal trifft man zufällig auf rücksichtslose Gruppen von Menschen, die unter anderem im Restaurant ihre lauten Stimmen erheben, bzw. während des Essens geräuschvoll mit dem Handy telefonieren. Sie scheren sich nicht um die anderen Gäste, und das geht wirklich so weit, daß einem das Essen nicht mehr schmeckt. Wenn man aufsteht und etwas sagt, wird es wohl ruhig werden.

Nicht ein einziges Mal ist ein Wortgefecht daraus entstanden oder bin ich auf Widerstand gestoßen.

Das gleiche gilt für die Zeitgenossen, die in der überfüllten Bahn die Beine weit in den Gang ausstrecken. Es ist falsch, zu zögern etwas zu sagen und sich stattdessen die verschiedensten Gedanken zu machen. Das ist genauso wie beim Ansetzen einer Technik, es ist überaus wichtig, sofort zu reagieren (d.h. eine Aktion zu beginnen), bevor einem unnötige Dinge durch den Kopf schießen.

Wenn ich derartige Geschichten erzähle, höre ich wie aus einem Munde: „Sie als Sensei können das, aber in unserem Falle sieht das ganz anders aus ...!“ Das ist eine Ausrede, die auf einem großen Mißverständnis beruht. Der Betroffene wird sich schuldig fühlen, weil es sich um den Hinweis auf eine Rücksichtslosigkeit handelt, die auf mangelnde Manieren zurückzuführen ist, und er wird sich zurückziehen. Wir geraten nicht in die Falle des Prinzips des Friedens um jeden Preis. Natürlich wird das Ansprechen anderer Menschen bei Fehlverhalten von Fall zu Fall unterschiedlich sein, und im Budo ist es eine eiserne Regel, die Gedanken des Gegners zu lesen. Und dazu ist noch besonders hinzuzufügen, daß ein buchstäblich in eine Schlägerei ausartender Streit ‚das Schlimmste’ ist.

Ich möchte noch ein weiteres Beispiel geben. Es war im letzten Jahr auf dem Rückflug von Europa. Als in der Kabine um Mitternacht alle Fluggäste glücklich schliefen, unterhielten sich einige eurpäische Studenten äußerst lautstark. Das wurde mir klar, als ich aufstand, um zur Toilette zu gehen, die Passagiere auf den benachbarten Sitzen waren größtenteils Japaner, die mit halbgeöffneten Augen mißfällige Gesichter machten. Obwohl das so war, machte kein einziger Anstalten, warnend um Ruhe zu bitten. Weil sich mein Sitz weiter vorne befand, waren die Geräusche nicht so sehr stark bis zu mir vorgedrungen, aber mit einem „Seien Sie bitte leise!“ (auf Japanisch. Anm. des Übersetzers) führte ich einen Finger an die Lippen. Unmittelbar danach kam schon auf Japanisch die Entschuldigung „Sumimasen“ von demjenigen, der am meisten unangenehm aufgefallen war. Möglicherweise waren die Studenten auf dem Weg zu einem Homestay in Japan.

Japan ist der Gruppe der entwickelten Länder beigetreten, aber wenn man es mit Europa und anderen Ländern vergleicht, habe ich des Gefühl, daß es bezüglich der Individualität noch schwach entwickelt ist. Es gibt wenige Menschen, die die Dinge klar aussprechen können. Um Ki auszusenden, ist Mut erforderlich, und das ist etwas, was ich durch das Training entwickeln möchte. Wenn nur allein die Technik stark wird, ist das sinnlos. Wenn man nicht bei solchen Menschen ganz besonders die Kikraft verbessert, wird auch die Technik nicht mit Leben erfüllt werden.

© übersetzt von Peter Nawrot 11/2005