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Überflüssiger Luxus

Kawaraban Nr. 40

10/1999

von Kenji Shimizu

Neulich hielt ich meinem Sohn (1.Jahr Oberschule, 16 Jahre) im Dōjō nach dem Training eine Predigt über verschiedene Dinge. „Immer noch zeigst Du diese Protesthaltung; es scheint so, als würdest Du die Gefühle Deiner Eltern, die das nur zu Deinem Besten sagen, nicht verstehen“, sagte ich. Mein Sohn senkte seinen Kopf, doch erhielt ich als Antwort: „ Aber Vater, verstehst denn Du die Gefühle Deines Kindes?“. Das war ein voller Punkt für ihn. Ich erwiderte nicht: „Das mag schon sein“, stattdessen musste ich tief in meinem Inneren bitter lächeln. Kinder werden schneller erwachsen, als die Eltern denken. Normalerweise ist man geneigt, über den Standpunkt des Kindes bei Predigten recht wenig nachzudenken, doch dieses Mal wurde ich zum Nachdenken veranlasst.

Andererseits, und das gilt für die ganze Welt, wenn die Eltern die Kinder nicht streng erziehen, werden sich die Kinder später selbst schämen. Auch wenn es den Kindern nicht gefällt, tragen die Eltern die Verantwortung, ihnen die Regeln des gesellschaftlichen Umgangs nachdrücklich beizubringen.

Heutzutage gibt es zwar genug zum Essen und zum Anziehen, doch die Umgangsformen sind zerfallen.

Ich würde mir wünschen, dass die Eltern mehr Verantwortung tragen würden. In der Tierwelt findet man eine wundervolle Zuneigung zwischen den Eltern und den Jungen (bei der Aufzucht).

Diese Strenge enthält nämlich Liebe. Wenn ich an das heutige Japan denke, so versteht man nicht, dass für die Kindererziehung Strenge notwendig ist, die aus wahrhaftiger Zuneigung kommt.

In der Veröffentlichung von Nitobe Inazō (1862-1933) steht „... früher war das Hauptziel bei der Ausbildung junger Männer die Charakterbildung“. Das Wissen um des Wissens willen wurde im Bushidō verachtet. Wissen war ursprünglich nicht das Ziel, sondern ein Mittel, um Weisheit zu erlangen. Betrachten wir die Ausbildung im heutigen Japan. Es findet keine ethische Ausbildung statt, weder Mut noch geistige Ruhe werden vermittelt, und man spricht über die Zukunft nur von der Wissensseite aus. Über diese Auswirkungen wird in den heutigen Medien diskutiert. Entsprechend ist es für eine Gesellschaft Gift, Wissen an erste Stelle zu setzen.

Im Bushidō führte man ein hartes und zugleich einfaches Leben, es gab keine Gewinn- oder Verlustbetrachtung, vielmehr zog man seinen Stolz aus dem Mangel.

‚Shashi’ (Shashi = Verbrauch der über dem Lebensnotwendigen und über der Position liegt), hielt man für die grösste Bedrohung, da er einen Einfluss auf den Charakter hat. In Bezug auf den Geist des Bushidō, legte man keinen Wert auf Geld und alles, was mit Geld zusammenhing. Das Ergebnis war, dass der Bushidō von zahlreichen Lastern, deren Ursprung im Geld lag, verschont geblieben ist.

So ist es traurig, dass heutzutage eine miserable Politik der Bestechung vorherrscht. Von nun an ist für uns Erwachsene ein Training notwendig, das uns hilft, uns selbst zu überwinden, um der japanischen Jugend korrektes gesellschaftliches Vehalten beizubringen.

© übersetzt von Birgit Lauenstein und Peter Nawrot 11/2003