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Interview mit Waka-Sensei

Kawaraba Nr. 66

(05/2006)

Jeder kann erkennen, daß es sich um Vater und Sohn handelt, aber beide beginnen in zunehmendem Maße den Weg zu gehen, für den sie sich vorsätzlich entschieden haben. Das Interview findet statt mit Kenta Shimizu, dem Sohn des Leiters Kenji Shimizu. Er hat in diesem Frühjahr die Universität beendet und seit April mit dem Training als Uchi-Deshi begonnen. Deshalb baten wir, den ‚Waka’Sensei des Tendokan’ um seine offenherzigen Ansichten.

Es ist nun ein Monat vergangen, seit Du Waka-Sensei genannt wirst, wie sind Deine Gefühle?

Waka Sensei: Eigentlich paßt das nicht zu mir, aber wenn ich nun so genannt werde, werde ich mich schnell daran gewöhnen, auch wenn ich mich dagegen sträube. Aber ich habe mich noch nicht ganz daran gewöhnt. (Lachen)

Du hast Dich für einen kurzen Haarschnitt entschieden, was sind die Gefühle dabei?

Waka Sensei: Weil es mir zu einfach schien, meine Entscheidung zum Uch-Deshi nur mit Worten zu zeigen, dachte ich, ob ich das nicht mit irgendeiner besonderen Form zum Ausdruck bringen kann. Nachdem ich sie habe kürzen lassen, ist die Pflege in der Tat sehr bequem.

Ihre Umgebung kann seit Deiner Kindheit erkennen, daß Du der Nachfolger wirst. Wie findest Du das?

Waka Sensei: Ich erinnere mich daran, daß ich in der Abschlußarbeit in der Grundschule geschrieben habe, daß „ich nicht die Absicht habe, die Arbeit meines Vaters fortzuführen“. Zu jener Zeit malte ich gerne Bilder, und ich hatte den vagen Wunsch, in Zukunft einen Beruf aus dem Designbereich zu studieren. Deshalb hatte ich die Vorstellung, neben der Arbeit nur am normalen Aikido-Unterricht teilzunehmen.

Wie hat sich diese Einstellung aus Deiner Kindheit verändert?

Waka Sensei: Als ich auf die Oberschule kam, führte ich ein ganz gewöhnliches Studentenleben und plötzlich fing ich an zu merken, daß es nicht einfach so weitergehen sollte. Einen besonderen Anlaß dafür gab es eigentlich auch nicht ... ich denke, daß ich ernsthaft den Wunsch hatte, mich einer besonderen Sache zu widmen.

Und als Aikido zu dieser Sache wurde …

Waka Sensei: Tja, das Naheliegenste war zu jener Zeit Aikido. Daher bat ich meinen Vater eindringlich, mich als Begleiter zu den Lehrgängen in Deutschland mitzunehmen. Als ich die Erlaubnis zur Teilnahme erhielt, nahm ich etwa ein halbes Jahr vor dem Lehrgang am Training teil, wann immer ich konnte. Ich hatte nun ein Ziel. Der wichtigste Lehrgang im Sommer war der auf dem Herzogenhorn (ein Ort im sogenannten Schwarzwald) stattfindende zweiwöchige Lehrgang. Es waren dort zahlreiche Danträger, die schon mehr als 10 Jahre kontinuierlich trainierten, und man konnte sogleich das gute Benehmen und die gute Haltung erkennen.

Darüberhinaus war ich außer meinem Vater der einzige Japaner. Außerdem fanden zu dieser Zeit die zweiten mittleren Abschlußprüfungen statt, und als ich der Schule die Situation erklärte, gestattete man mir als Besonderheit, das Ganze sozusagen als legale Feiertage zu betrachten.

Unter diesen Bedingungen bist Du schließlich nach Deutschland gefahren.

Waka Sensei: Mit dem Versuch, nach dort draußen zu gehen, hat sich auf jeden Fall „meine Welt“ verändert. Beim bisherigen Training hatte ich die Einstellung, im Dojo meinen Körper zu bewegen. Aber zu den Lehrgängen kamen aus ungefähr 10 Ländern der Welt die verschiedensten Menschen zusammen. Als ich mich mit diesen Menschen über das Training verständlich machen konnte, hatte ich das Gefühl, daß alle Menschen gleich sind, auch wenn sich Rasse und Religion unterscheiden.

Im Alter von nur 17 Jahren war das vermutlich ein Kulturschock?

Waka Sensei: Als ich auf der Oberschule internationale Probleme und aktuelle politische Fragen studierte, dachte ich, daß es wohl Verständigungsprobleme gibt, weil die Länder verschieden sind. Auch wenn die Nationalitäten verschieden sind, habe ich so etwas nie fühlen können, wenn man versucht, mit den einzelnen Menschen in Kontakt zu treten. Auf jeden Fall war es eine interessante Erfahrungt. Als ich zurückkehrte, dachte ich, daß ein Rückfall in die ursprüngliche Trainingsform eine Verschwendung ist. Daher habe ich so weitertrainiert wie nach dem Zeitpunkt der Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, weil ich die Aikido-Techniken und die geistige Tiefe kennenlernen konnte.

Was für einen Eindruck hattest Du, als Du an den Lehrgängen von Shimizu Sensei im Ausland direkt teilnehmen konntest?

Waka Sensei: Ich war voller Respekt. Er ging allein in Länder mit anderen Kulturen, und ich denke, daß es großartig ist, den japanischen Geist so authentisch zu unterrichten.

Wir kehren jetzt zum Gespräch über das tägliche Training zurück. Es ist für Dich wohl sicher ein ganz besonderes Training , daß Du „Uke“ von Shimizu Sensei bist?

Waka Sensei: Weit mehr als das Gefühl, ein geschickter und guter Uke zu sein, sage ich zu mir selber, daß ich von der Stärke von Sensei, der mich wirft, nicht überwältigt werden darf. Es gibt Augenblicke, in denen die Techniken von Sensei furchterregend sind. Und das dient dazu, denke ich, daß ich mich frage, wie ich mich so trainiere, daß mein Selbst von dieser Stärke nicht überwältigt wird. Während des Trainings gibt es keine besonderen Vater und Sohn Gefühle.

Auf welche Punkte achtest Du besonders bei Deinem Kindertraining?

Waka Sensei: Worauf die Eltern am meisten achten, ist die Etikette. Ich denke, daß es für die Erziehung der Kinder nützlich ist, wenn sie – wenn auch nur gelegentlich – einen Ort haben, an dem sie Etikette lernen. Und wir sind froh, wenn das, was die Kinder im Training lernen, ihnen hilft, Schwierigkeiten zu überwinden. Ich meine, daß das genauso ist wie im normalen Training. Es handelt sich nicht nur um die Wiederholung von gewöhnlichen Bewegungen, sondern wir denken, daß wir gemeinsam unter Ausnutzung der inneren Kraft das Training durchführen sollen.

Bitte sage uns noch einmal etwas über Deinen Entschluß Uchi-Deshi zu werden.

Waka Sensei: Ich verstehe meine eigene Unzulänglichkeit nur zu gut, und

ich benötige einen riesigen Berg von Erfahrungen und persönlichen Erlebnissen. Wenn ich mir jetzt als Budoka eine Zukunftsvision vorstelle, so denke ich, ich möchte, während ich im täglichen Training meine Mission erfülle, bei harten Prüfungen nicht mental zusammenbrechen und mir auf mich wirkende Kräfte in irgendeiner Weise zu eigen machen.

Lebenslauf

Er wurde 1983 in Tokyo geboren. Im Alter von 2 Jahren trug er das erste Mal einen Dogi, und ab dem zweiten Grundschuljahr besuchte er allein das Training. Er absolvierte die private Wako-Oberschule und studierte dann an der Wako-Universität. Am Lehrstuhl für Human Relationship studierte er moderne Soziologie.

Er erforschte in seiner Abschlußarbeit unter dem Thema „Budo und Erziehung“ neue Optionen für Aikido.

Als Hobby bearbeitet er Videoaufnahmen, und als er dieses Mal als Begleiter zu den Auslandslehrgängen fuhr, erstellte er aus den aufgenommenen Filmen ein eigenes Video. Seine Filme sind hervorragend und hochqualifiziert.

Sein Lieblingsfilm ist „Casablanca“, und er war sicher fasziniert , wie Bogie (von H. Bogard gespielte Hauptrolle) und alle Charaktere Ihre Individualität so gut demonstrierten.

Im Sport ist er ein großer Fußball-Fan und verfolgt die Spiele der Nationalmannschaft. Er favorisiert keinen der Spieler besonders und erklärt, daß er Spieler schätzt, die faszinierend spielen können. Hier kann man seine Zukunftsvisionen als Budoka erkennen.

© übersetzt von Peter Nawrot 08/2006